Christof Hamann / Uwe Timm

"Einfühlungsästhetik wäre ein kolonialer Akt"

Ein Gespräch

(aus Heft Nr. 168, S. 450-462)

Christof Hamann Sie sind bereits mehrere Male nach Namibia gereist. Was haben Sie da gesehen?

Uwe Timm Zum ersten Mal war ich 1976 etwas mehr als einen Monat in Namibia und habe für Morenga recherchiert. Das war die Zeit, in der das Land unter dem Mandat von Südafrika stand und eine ganz rigide Apartheid herrschte. Es waren unglaubliche Zustände, es gab zum Beispiel getrennte Parkbänke für Schwarze und Weiße. Es war aber auch die Zeit, in der der Guerillakrieg am heftigsten war. Die SWAPO drang bis in das Windhoeker Ghetto Katutura vor. Daher habe ich die Weißen bei meinem ersten Aufenthalt sehr verunsichert erlebt. Es war auch nicht ungefährlich. Ich bin allein im Auto herumgereist. Zugegeben, ein bißchen flau im Magen war mir damals schon, weil man mir ja nicht ansah, daß ich in der Anti-Apartheid-Bewegung aktiv war. Ich war einfach ein Weißer, und dieses Signum der Gewalt trug man wirklich als Hautfarbe mit sich herum. Das war wahrscheinlich das letzte Mal, daß ich ein Land erleben konnte, in dem noch richtige koloniale Strukturen herrschten. 1985 wurde Morenga dann verfilmt. Zu den bizarren Seiten der Verfilmung gehört, daß die südafrikanische Regierung zwar eine Erlaubnis erteilte, vor Ort zu drehen, die Dreharbeiten auch weitgehend unbehindert durchgeführt werden konnten – ich allerdings nicht einreisen durfte. Vor allem aufgrund meines Romans wurde ich zur persona non grata erklärt. Darauf war ich immer recht stolz. Mitverantwortlich für das Einreiseverbot war, daß ich in Deutschland offen mit Vertretern der SWAPO auftrat, etwa mit Sam Nujoma, dem heutigen Präsidenten, den damals in Bonn nicht einmal ein Staatssekretär empfing. Nach der Unabhängigkeit 1990 bin ich insgesamt dreimal nach Namibia gefahren, da war die Situation tatsächlich eine ganz andere. Besonders interessant war für mich zu sehen, wie sich das Verhalten der Weißen verändert hatte. Die koloniale Herrenhaltung schien auf den ersten Blick nicht mehr zu existieren, aber verschwunden war sie nicht. In Windhoek steht zum Beispiel noch immer dieses Reiterdenkmal mit einer Tafel, auf der die deutschen Gefallenen des Kolonialkriegs aufgezählt sind. Aber die Opfer, die Herero, die Nama, werden nicht genannt. Ich habe bei einem Besuch vorgeschlagen, die deutschen Nachkommen sollten gefäl-ligst ein Zusatzdenkmal aufstellen, damit auch derer gedacht wird, die damals systematisch umgebracht wurden. Aber ein solches Denkmal existiert bis heute nicht. Was mich erstaunt, ist der Langmut der SWAPO und der nicht-deutschstämmigen Namibier. Die müßten doch dagegen zumindest mit Farbbeuteln vorgehen! Bei meinem letzten Besuch im vergangenen Frühjahr ist mir aufgefallen, daß die Landfrage sehr brisant ist und sich sicher weiter verschärfen wird. Ein Resultat des Kolonialkriegs ist eben auch, daß 90% des Farmlandes in den Händen von Deutschen, Engländern, Buren oder deren Nachfahren sind. Die Herero und Nama nennen dagegen nur einen kleinen Rest ihr eigen. Wenn es nicht gelingt, diese Frage zu klären, wird Namibia über kurz oder lang ein ziemliches Problem bekommen.

Hamann Hatten Sie während Ihrer Reisen Kontakt zu Herero oder Nama?

Timm Während der letzten nicht. Am meisten Kontakt hatte ich in den 70er Jahren, zum Teil bereits bevor ich an Morenga schrieb. Aufgrund meiner Tätigkeit für die Anti-Apartheid-Bewegung, der ich An-fang der 70er Jahre in München beigetreten war, lernte ich verschiedene Exilierte kennen. Das waren Guerilleros, die geflohen waren. Zum Beispiel hatte ich Kontakt zu einem Nama, der als Informant, sozusagen als Chronist, ganz wichtig für mein Buch wurde. Über ihn wiederum lernte ich Witbooi kennen, einen Nachkommen desjenigen Witbooi, der gegen die deutsche Kolonialmacht gekämpft hatte. Als ich dann 1976 in Namibia recherchierte, traf ich mehrfach Mitglieder der Inlands-SWAPO, die im Unterschied zur außerhalb des Landes agierenden SWAPO auf quasi demokratischem Weg zu arbeiten versuchte. Während dieser ersten Reise begegnete ich auch einem ehemaligen Schutztruppensoldaten, der 1904 nach Deutsch-Südwest gekommen war. Ein beeindruckender Mann, der mir viele Details erzählte, die ich aus Büchern gar nicht hätte erfahren können.

Hamann Morenga erschien 1978. Darin geht es in erster Linie um den Krieg des Deutschen Reichs gegen die Nama von 1904 bis 1907. Sie erzählen die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven und stellen ihre lineare Chronologie um. Das Treffen des Protagonisten Gottschalk mit Morenga etwa wird mindestens viermal auf unterschiedliche Weise geschildert. Schienen Ihnen nur komplexe erzähltechnische Verfahren dem historischen Stoff angemessen?

Timm Jeder, der einen historischen Stoff behandelt, hat immense Schwierigkeiten, sich ihm anzunähern. Primärerfahrungen, die bei zeitgenös-sischen Themen vorhanden sind, fehlen ebenso wie Erinnerungen, die zwar auch nie objektiv sind, aber doch eine wie auch immer geartete subjektive Wahrnehmungsgrundlage schaffen. Dieser Mangel muß beim Schreiben historischer Romane berücksichtigt werden. Ich halte es für fürchterlich naiv, ein vergangenes Ereignis so zu erzählen, als hätte man unter dem Tisch oder unter dem Bett gelegen und mitstenographiert. Wer sich einem historischen Gegenstand annähert, muß eben immer auch diese Annäherung thematisieren und damit die Distanz zum Geschehenen festhalten. Von vornherein war mir daher klar, daß ich nicht mit einer auktorialen Erzählerfigur arbeiten wollte, die in alle Herzen hineingucken und alle Bewußtseinslagen ausforschen kann. Zumal die Nama, über die ich schrieb, mir doch sehr fremd waren. Und dann noch Nama, die vor gut siebzig Jahren gelebt hatten. Eine solche Einfühlungsästhetik wäre selbst ein kolonialer Akt. Schwierig genug war es bereits, sich in die Deutschen einzufühlen. Die zeitliche und räumliche Ferne zu meinem Stoff führte also dazu, daß Morenga diese polyperspektivische Form besitzt, mit der ich mich dem Gegenstand langsam, aus verschiedenen Blickwinkeln, annäherte, und diese Annäherung dadurch gleichzeitig reflektierte. Genau aus diesem Grund wird das Treffen zwischen Gottschalk und Morenga nicht aus der Sicht des letzteren wiedergegeben, sondern durch einen Bericht des Deutschen, der wiederum durch die Kommentare eines bornierten Soldaten gebrochen wird.

Hamann Führt diese Art des Erzählens nicht zu einer Wiederholung der Konstellation aus der Kolonialzeit, in der die Afrikaner keine eigene Stimme hatten?

Timm Das könnte man so sagen. Das muß ich als Vorwurf hinnehmen. Ich konnte den Nama keine Stimme geben, sie nicht selbst sprechen lassen. Ich weiß, es gibt eine lange Diskussion darüber und es werden auch Positionen vertreten, denen zufolge man allen eine Stimme geben kann. Ich selbst fand das für meinen Ansatz unredlich. Aber ich will nicht ausschließen, daß es anderen Autoren möglich ist. Dank Edward Said habe ich diesbezüglich einiges gelernt. In seiner Studie Kultur und Imperialismus gibt es ein Kapitel zu Albert Camus, über den ich promoviert habe. Was Said aufgefallen ist, aber nicht mir: Der Algerier in Der Fremde erhält weder eine eigene Stimme, noch wird in diesem Buch ein Gedanke daran verschwendet, was die Mutter sagt und was die Freundin sagt. Das ist ein unglaublicher Vorgang. Und ich muß mir Kritik gefallen lassen, weil mir das damals entging, obwohl ich bereits politisch engagiert war. Man merkt an solchen Geschichten, wie einseitig das Denken bestimmt ist und wie leicht sich in der Sprache, in der Vorstellungswelt ein Herrschaftsdenken festsetzt. Aber bei Morenga greift diese Kritik nicht, weil die Unmöglichkeit oder Schwierigkeit, sich in die anderen hineinzuversetzen, thematisiert wird. Auch die Art und Weise, in der die Sprache der Nama verhindert, unterdrückt und ausgerottet wird, ist ja ein Grundthema des Romans. Außerdem ist es die Figur des Morenga, die im Hintergrund jede Reaktion der deutschen Militärs bestimmt. Seine Art des Protests, dieser Guerillakrieg, stellt den Kolonialismus, die selbstherrliche Denkweise der Deutschen immer wieder in Frage. Eine Pointe des Buches besteht übrigens darin, daß nach dessen Erscheinen die historische Person Marengo im südlichen Afrika neu entdeckt wurde. Es gab einen Wissenschaftler, Neville Alexander, der zu Marengo gearbeitet hatte. Sonst war dieser Guerillakämpfer vergessen, er gehörte eben nicht zum Herrschaftswissen. Durch den Roman ist er in die Geschichte Namibias zurückgekehrt. Mehr kann man sich doch nicht wünschen.

Hamann Sie wußten beim Schreiben, daß die historische Person Jakob Marengo hieß. Weshalb haben Sie trotzdem den Namen Morenga beibehalten, den die Deutschen damals verwendeten?

Timm An einer Stelle wird im Roman gesagt, daß der eigentliche Name des Aufständischen Marengo war, aber bei mir wird eben konsequent aus der Sicht der Deutschen erzählt. Damit mußte ich auch deren Nomenklatur beibehalten. Mein Wunsch ist, daß irgendwann einmal ein Nama in seiner wunderschönen Sprache, vielleicht mit Hilfe von UNESCO-Geldern oder, noch besser, mit dem Geld der Bundesregierung, einen Roman schreibt, der Marengo heißt und aus der anderen Sicht den Kolonialkrieg zwischen 1904 und 1907 erzählt. Diese beiden Bücher, das eine in Deutsch, das andere in Nama geschrieben und in die jeweils andere Sprache übersetzt, sollen einmal nebeneinander stehen.

Hamann Haben Sie sich damals bereits mit lateinamerikanischer Literatur beschäftigt? Insbesondere in den Landeskunde-Kapiteln gibt es sehr phantastische Züge, die den vorherrschenden dokumentarischen Stil des Buches durchbrechen und auf den Magischen Realismus verweisen.

Timm Erstens bin ich jemand, der sich gern erzählen läßt und gern erzählt, das ist so eine Grundhaltung von mir. Zweitens war die lateinamerikanische Literatur eine ganz wichtige Erfahrung für mich. Ich bin mit einer Deutsch-Argentinierin verheiratet, die unter anderem García Márquez übersetzt. Ich selbst war ungefähr fünfzehn Mal in Lateinamerika. Durch meine Frau, die ich 1969 kennenlernte, bin ich sehr früh mit dieser Literatur in Kontakt gekommen. Zu dieser Zeit kannte hier noch kaum einer den heutigen Welterfolg Hundert Jahre Einsamkeit. Aber auch andere Autoren las ich bereits damals: Alejo Carpentier, Carlos Fuentos, Octavio Paz. Das hat sicherlich dazu beigetragen, den Mut zum Erzählen in einer Zeit aufzubringen, in der das geradezu verboten war. Eine völlige Idiotie, sehr zum Nachteil für die damalige deutsche Literatur. Drittens schließlich waren es auch meine Erfahrungen mit afrikanischen Romanen, in denen eben auch erzählt wird. Mongo Betis Der arme Christ von Bomba zum Beispiel ist ein wunderbares Buch.

Hamann Wollte Ihr damaliger Lektor Heinar Kipphardt nicht gerade die phantastischen Landeskunde-Passagen gestrichen haben?

Timm Ja. Ich war sehr befreundet mit Heinar Kipphardt und habe ihm viel zu verdanken. Er wollte unbedingt drei Teile herausstreichen, hat mich nachts mit Anrufen terrorisiert, weil er überzeugt war, mir Gutes zu tun. Das muß raus, sagte er, du zerstörst damit den ganzen Roman. Aber ich bin eisern geblieben und habe an den Episoden mit Missionar Gorth oder mit Klügge und seinem Branntweinfaß festgehalten. Diese Branntweinfaß-Geschichte verdankt sich übrigens einem Hinweis aus Heinrich Vedders Das alte Südwestafrika. Ein Buch, in dem viele Geschichten anerzählt werden und das über einen Index verfügt, in dem alle Europäer aufgelistet sind, die sich um 1870 in Südwest aufgehalten haben. Hier stieß ich auf einen Menschen namens Klügge, ein Mann, der mit einer Karre durch die Steppe zog. Eine irrwitzige Vorstellung, wie ich damals fand. Und so entstand aus einer kleinen Notiz das gesamte Klügge-Kapitel.

Hamann Kann die Literatur mit ihren ästhetischen Verfahren besser von Vergangenem erzählen als die Geschichtswissenschaft?

Timm Was etwa dem Historiker Helmut Bley, der über Deutsch-Südwest intensiv gearbeitet hat, an meinem Roman gefallen hat, ist die Möglichkeit, die Mentalitäten und die Gefühle auszuleuchten, in diesem Fall speziell die der Kolonisatoren. Die Literatur kann eben im Unterschied zur Geschichtswissenschaft das Besondere, den Einzelnen mit all seinen Gefühlen oder auch seiner Gefühllosigkeit, seiner individuellen Sprache und seinen Verhaltensweisen zu ihrem Gegenstand machen. Insbesondere hat mich an diesem historischen Stoff interessiert, wie eine Emotionslosigkeit entstehen konnte, die dazu führte, daß andere Menschen geprügelt, gehenkt und erschossen wurden, daß man sie verdursten ließ. Die Wissenschaft kann über solche Ereignisse abstrakt sprechen, aber eben nicht in der Art, daß sie von den Lesenden auch emotional abgetastet werden können. Ich halte es für eine große Qualität von Literatur, daß sie Gefühle nicht nur beschreibt, sondern in der Lektüre nachvollziehbar macht. Schließlich habe ich mich auch in besonderer Weise für die damalige Sprache interessiert. Beim Lesen zeitgenössischer Berichte und Briefe, von Tagebüchern und Akten fragte ich mich: Was ist das für eine Sprache gewesen, die jede Form der Empathie mit anderen Menschen, mit Schwarzen verhinderte? Welche Voraussetzungen, welche Blockaden waren da? Was hatten sich da im Wittgensteinschen Sinn für Bilder eingelagert, die so verhärten, daß man Menschen aufhängt, bloß weil sie etwas gestohlen hatten? Was sind das für Soldaten, die ihre menschlichen Seiten haben und doch so unmenschlich gegen andere vorgehen? Ich würde behaupten, solchen Fragen läßt sich wesentlich besser in der Literatur nachgehen. Entdeckt habe ich bei der Arbeit an diesem Buch auch, was ich selbst internalisiert habe, was für mich positiv besetzt ist: Pünktlichkeit, Fleiß, Ordentlichkeit, Sauberkeit, Tapferkeit – sogenannte Tugenden, die bei uns als Werte absolut gesetzt sind und auch für Emotionen bestimmend sind. Meines Erachtens hat diese Erziehung, diese mentale Ausbildung, auch dazu geführt, Haß gegenüber anderen Lebensformen zu empfinden, in denen die speziell in der deutschen Kultur unterdrückten Qualitäten wie Spontaneität, chaotisches Verhalten, Muße, Ausgelassenheit oder eine freiere Sexualität ausgelebt werden.

Hamann Der Veterinär Gottschalk hat alle diese deutschen Tugenden, von denen Sie sprechen. Er macht aber im Verlauf der Geschichte eine Entwicklung durch. Aus dem relativ unkritischen Soldaten wird einer, durch den, wie es an einer Stelle heißt, ein „Riß“ geht. Einer, der sich mehr oder weniger offen Befehlen widersetzt. Es gibt zwei stark divergierende Lesarten dieser Entwicklung. Die eine behauptet, Gottschalk durchlaufe einen erfolgreichen interkulturellen Lernprozeß, an dessen Ende eine Art dialektische Synthese stehe. Beide Kulturen, die der Nama und die der Deutschen, blieben darin in ihrer Eigenart erhalten. Der anderen Lesart zufolge erkennt Gottschalk im Verlauf des Romans die kolonialistischen Grundbedingungen seiner Existenz. Hier kommt es zu keiner Synthese mit dem Anderen, sondern vielmehr zur Einsicht, daß zumindest zu diesem Zeitpunkt eine Verständigung nicht möglich ist – das Andere bleibt fremd. Finden Sie ihre eigene Intention in einer dieser Positionen wieder?

Timm Ich denke, daß eine Synthese eher in der Morenga-Figur zu suchen und zu finden ist. Morenga verwandelt sich dasjenige von den Deutschen an, daß ihn überzeugt, ohne dabei das Eigene aufzugeben. Gottschalk dagegen gelingt eine solche Synthese nicht. Das wird ihm auch in der Beziehung zu der Nama-Frau Katharina ganz deutlich. Obwohl er in sie verliebt ist, kann er die kulturelle Distanz nicht überwinden. Auch die historische Situation kann er nicht so ändern, daß eine auf gegenseitiger Achtung beruhende politische Entwicklung möglich wäre. Das war zu dieser Zeit nicht vorstellbar und ist es auch heute kaum. Denn eine solche Entwicklung setzt eine gewaltfreie Gesellschaft voraus. Vor allem eine, die nicht auf ökonomischer Ausbeutung basiert.

Hamann Man könnte Gottschalk einen tragischen Helden nennen. Im Epilog des Romans sieht man ihn – aus Deutsch-Südwest zurückgekehrt – während einer Ballonfahrt im Allgäu, in den Wolken. Die Lebensform der Nama ist ihm verschlossen geblieben, aber es gelingt ihm auch nicht mehr, sich in der deutschen Kultur heimisch zu fühlen.

Timm Ja, ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Seine naiven Bemühungen, Entwicklungshilfe zu leisten, schlagen oft ins Gegenteil um. Etwa als er mit dem Hintergedanken, die Lebensbedingungen der Nama zu verbessern, Kamele zureitet, mit denen dann die letzten Aufständischen aufgespürt werden.

Hamann Gottschalk beschäftigt sich nicht erst am Ende mit den Wolken. Schon in Deutsch-Südwest studiert er ihre Formationen und versucht, sie in einer neuen Sprache zu beschreiben. Kann es einer literarischen Sprache gelingen, eine größere Nähe zum Fremden aufzubauen?

Timm Ich denke ja. Die Annäherung an das Fremde ist vor allem aus der Sprache heraus möglich. Eine solche Sprache, die das Andere mit auszudrücken vermag, kann etwa mit Neologismen arbeiten. Aber prinzipiell steckt die Möglichkeit der Nähe in jeder Sprache. Dazu muß man lernen, auf sie zu hören – auf die eigene, und auf die des Anderen, die so ganz unverständlich ist und doch nicht ganz unverständlich, weil sich beide Sprachen darin treffen, auf ihre Weise Menschsein entstehen zu lassen. Das ist doch auch das Wunderbare an Sprache, ihre Vielfältigkeit. Jede Reduktion der Sprache, etwa aufs bürokratische Deutsch, ist eine Reduktion des Anderen und letztlich mitverantwortlich dafür, diesen zu hassen oder zu ermorden.

Hamann Gottschalks Kollege, der „anarchistische Veterinär“ Wenstrup, liest die 1904 publizierte Schrift des russischen Anarchisten Peter Kropotkin Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung. Heute kann der Text sehr anachronistisch erscheinen.

Timm Ich finde, es muß auch heute erlaubt sein, solche utopischen Gedanken auszuformulieren. Natürlich kann man sie nicht eins zu eins umsetzen, aber worauf Kropotkin insistiert und was mir sehr gefällt, ist, daß das Leben nicht allein vom Gesetz des Stärkeren bestimmt ist, sondern von einem Modell, das auf Solidarität basiert, auf gegenseitiger Hilfe. Vielleicht läßt sich das mit Gottschalks neuer Sprache über die Wolken vergleichen. Solche utopischen Gedanken müssen gedacht werden, gerade in einer Situation, wie sie damals in Deutsch-Südwest vorlag. Die Brutalität und die Morde können durch sie grundsätzlich in Frage gestellt werden.

Hamann Von Kropotkin ist der Schritt zur Studentenbewegung, an der Sie ja nicht allein literarisch Anteil genommen haben, nicht weit. Wahrscheinlich wurde dieser Text Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre viel gelesen, zumindest mehr als heute. Bei Kropotkin werden die sogenannten Hottentotten als weniger verdorben als die Europäer, als gutmütig und sehr sozial beschrieben. In der Studentenbewegung wurde das rationale Europa, das auf Konkurrenz basiert, einem sinnlichen Afrika gegenübergestellt, das auf Solidarität aufgebaut ist. Auch in Morenga finden sich Passagen mit vergleichbaren Oppositionen. Halten Sie diese Gegenüberstellung auch heute noch für gültig?

Timm Die Projektion von Wünschen in andere Kulturen sind immer auch deren Bemächtigungen, Festschreibungen, Simplifikationen. Afrika ist ein komplexes Gebilde, das müßte differenziert betrachtet werden. Aber zumindest für einige Bereiche würde ich die Unterschiede schon sehen. Das Deutschland, das ich aufgrund meiner Erziehung internalisieren mußte, ist doch sehr preußisch geprägt. Bei den Nama dagegen herrscht eine ganz andere Form des Zusammenlebens und eine ganz andere Gewichtung von Körperlichkeit. Sie leben anders, nehmen anders wahr, bewegen sich anders und denken anders. Nicht nur mir ist bei meinen nur kurzen ethnologischen Beobachtungen diese andere Lebensweise aufgefallen. Man kann das ebenso in den Beschreibungen, in Tagebüchern, Schriften und Erzählungen anderer Deutscher nachlesen, die dorthin gingen.

Hamann Dort wird diese Andersheit meist negativ konnotiert . . .

Timm Klar, es wurde beobachtet, aber selbstverständlich negativ bewertet. Diese Unterschiede zwischen den beiden Kulturen finde ich heute auch aus dem Grund sehr interessant, weil sie rückwirkend Fragen bezüglich der eigenen Fehler und Schwächen aufwerfen. Dinge, die uns zum Teil ganz selbstverständlich sind. Dieses Selbstverständliche muß wieder fremd werden. Bei mir zumindest ist genau das durch die Begegnung mit der Nama-Kultur passiert.

Hamann Ich sehe in Morenga Parallelen zu den Motiven und Zielen der Studentenbewegung, aber auch Absatzbewegungen. Gegen Ende des Romans insistiert Gottschalk immer wieder, „es komme auf den einzelnen an, auf ihn ganz allein“. Widerspricht das nicht sowohl Kropotkins Vorstellung als auch den Intentionen der Studentenbewegung? Kann das Buch auch als melancholischer Abgesang auf die Hoffnungen und Wünsche dieser Zeit gelesen werden?

Timm Das ist vielleicht mit drin, das ist interessant. Ich habe mich das nie so gefragt, aber vielleicht läuft das unterbewußt mit. Meine Prämisse war damals: Der Einzelne muß erst einmal radikal der Einzelne sein, um sozial und solidarisch zu werden. Und auch – das vielleicht wirklich im Gegensatz zur Studentenbewegung – , daß man sich unter Umständen gegen Formen sozialen Verhaltens wenden muß, die mög-licherweise in einem politisch-rationalen Kontext als richtig angesehen werden, aber die dennoch falsch sind.

Hamann Sie haben ja nicht allein in Morenga, sondern auch in späteren Texten wie in Der Schlangenbaum oder in Kopfjäger fremde Kulturen thematisiert. Geht es Ihnen auch darum, durch die Darstellung des Fremden das deutsche Eigene zu kritisieren?

Timm Natürlich. Die vier Jahre Arbeit an Morenga waren für mich auch insofern wichtig, als sie nicht allein eine Reise in die Ferne waren, sondern auch eine ins Nächste, in mich, in mein Bewußtsein hinein. Mir ist beim Schreiben aufgefallen, wie erstarrt meine Vorstellungen waren, wie sie sich nur sehr langsam beim Nachdenken, beim Schreiben, beim Recherchieren auflösten. Meine Ideen waren sehr deutsch geprägt, ich bin da keine Ausnahme gewesen, gehörte eher zum Durchschnitt. Nicht, daß ich rassistisch gedacht hätte, dazu war mir die faschistische Vergangenheit schon als Jugendlichem viel zu widerlich. Aber diese tiefgehenden Implikationen, zum Beispiel was Zeit ist und wie man sich zur Zeit verhält, meine Vorstellungen von Pünktlichkeit, von Effektivität, das wurde auf eine sehr grundlegende Art und Weise in Frage gestellt. Auch fiel mir auf, wie sehr gerade in Deutschland Sprache zu bürokratischen Zwecken ge- oder mißbraucht wird. In allen Kolonien wurde geprügelt, und es wurden zum Teil fürchterliche Verbrechen verübt. Aber diese Form der Kodifizierung, der schriftlich geführten Debatten darüber, ob man mit der Nilpferdpeitsche oder mit dem Tauende prügeln sollte, diese bürokratische Systematisierung erscheint mir sehr deutsch und erinnert mich bereits an Auschwitz.

Hamann Sie sehen also eine klare Verbindung zwischen deutscher Kolonialherrschaft und Shoah?

Timm Ja. Für mich enthält diese zweckrationale Argumentation, die auf Pflichterfüllung, Pünktlichkeit und ähnliches ausgerichtet ist, eine Ahnung von der deutschen Mordindustrie vierzig Jahre später. Wenn ich dies sage, verschließe ich nicht die Augen davor, daß etwa die Belgier im Kongo Millionen von Menschen umgebracht haben. Alle europäischen Länder haben in Afrika auf fürchterliche Weise gehaust. Dennoch beharre ich auf der Linie, die vom deutschen Kolonialismus zur Shoah führt. Sehr viele Offiziere und Unteroffiziere, die in den Schutztruppen gedient haben, sind später bei den Nazis aufgetaucht. Etwa Franz Xaver Ritter von Epp, um nur ein Beispiel zu nennen. Diese Linie läßt sich bis in Äußerlichkeiten hinein verfolgen. So stammt die braune Uniform von der Truppenuniform ab, das war ursprünglich das sogenannte Lettow-Vorbeck-Hemd.

Hamann Sie haben während der Arbeit an Ihrem Roman sehr viele zeitgenössische Texte gelesen. Aus manchen – wie Die Kämpfe der deutschen Truppen in Südwestafrika, herausgegeben vom Großen Ge-neralstab aus dem Jahr 1907 – zitieren Sie wörtlich. Haben Sie sich auch mit Literatur aus dieser Zeit beschäftigt, etwa mit Gustav Frenssens damaligem Bestseller Peter Moors Fahrt nach Südwest oder mit Hans Grimms Volk ohne Raum?

Timm Das habe ich alles fleißig gelesen.

Hamann Können Sie sich einen Reim darauf machen, weshalb in England nicht unproblematische, aber literarisch stärkere Texte wie Conrads Heart of Darkness entstanden sind, in Deutschland aber Frenssens Peter Moor?

Timm Meine These ist, daß dieser Unterschied mit Deutschland als einer zu spät gekommenen Nation zusammenhängt. Daraus resultierten auch die deutschen Minderwertigkeitskomplexe. Deutschland ist in vielerlei Hinsicht zu spät gekommen, auch hinsichtlich der Kolo-nien. Das führte zum großkotzigen Auftreten nach der Reichsgründung 1870/71. Nach 1890 kam ein Monarch hinzu, der eine menschliche Katastrophe war. Lesen Sie mal, was der von sich gab! Ich kann nur sagen, das war von einer strotzenden Dummheit. Koloniale Erfahrungen, die einen so ausdifferenzierten Umgang mit den Kolonisierten erlaubt hätten wie bei den Engländern, sind bis dahin eben keine gemacht worden. England blickt auf eine lange Tradition zurück. Die war sehr blutig, war brutal, wenn auch nicht buchführend über Prügelstrafen, nicht so bürokratisch. Da wurde mehr von Fall zu Fall entschieden, auch ohne eine dermaßen ausgefeilte Kodifizierung. Aufgrund dieser Tradition besaßen die Engländer andere Erfahrungen, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg angesammelt hatten. Deswegen verfügten sie auch über ein anderes Verständnis den Kolonisierten gegenüber. Die deutsche Kolonialnation ist sehr parvenühaft, sehr oberlehrerhaft. Kurz: Der Prototyp ist der prügelnde Unteroffizier, der zugleich Lehrer ist, und Afrikaner genauso wie Kinder mit dem Stock zur Pünktlichkeit und zur Ordnung erzieht.

Hamann Und entsprechend ist dann auch die Literatur?

Timm Genau. Während die Engländer und Franzosen immer schon einen gewissen kulturellen Anspruch mittransportierten und auch damals, teilweise zumindest, den Afrikanern den Zugang zu ihren Bildungsanstalten erlaubten, gab es in Deutschland, soweit ich weiß, keinen einzigen studierten Afrikaner. Ich glaube, der differenzierte Umgang mit den Kolonisierten war einer der Gründe für eine differenziertere Kolonialliteratur in England und Frankreich.

Hamann Welche signifikanten Unterschiede sehen Sie im Umgang der Deutschen mit Ihrer kolonialen Vergangenheit im Vergleich zu anderen ehemaligen Kolonialmächten?

Timm Zwischen den Engländern oder Franzosen und ihren ehemaligen Kolonien gibt es auch heute viele Kontakte. Viele Menschen in den ehemaligen Kolonien sprechen die Sprache der einstigen Kolonisatoren, es gibt sehr viel französisch und englisch geschriebene afrikanische Literatur. Da existiert also ein ganz anderer kultureller Transfer als im Deutschen. Und dann ist die Kolonialzeit in Deutschland nach 1945 aufgrund der Shoah in den Hintergrund gedrängt worden.

Hamann Nach Morenga sind lange keine anderen literarischen Bücher zum Kolonialkrieg im ehemaligen Deutsch-Südwest erschienen, in den letzten Jahren dafür gleich mehrere. Von Giselher W. Hoffmann gibt es den Roman Die schweigenden Feuer von 1994, in diesem Jahr erschienen Gerhard Seyfrieds Herero und Stephan Wackwitz’ Ein unsichtbares Land, in dem Deutschlands koloniale Vergangenheit eine wichtige Rolle spielt. Kennen Sie diese Romane?

Timm Ich kenne keines dieser drei Bücher, weil ich in den letzten Jahren zu sehr mit anderen Themen beschäftigt war. Den Text von Wackwitz hat meine Frau gelesen, die ihn sehr interessant fand. Bei Seyfrieds Herero habe ich mich auf das Urteil anderer verlassen und mich daher nicht drangesetzt, es ist ja auch ein ziemliches Brikett.

Hamann Welche Chancen geben Sie der Privatklageschrift, die die Herero an einem Gericht in den USA eingereicht haben und mit der sie Entschädigungsforderungen gegenüber Deutschland durchsetzen wollen?

Timm Ich bin zu wenig Jurist, um das beurteilen zu können, aber gerechtfertigt ist die Klage auf jeden Fall. Allerdings würde ich eine politische Lösung für besser halten, das heißt, die Bundesregierung müßte sich direkt mit den Forderungen der Herero oder Nama befassen und die vom Kolonialkrieg betroffenen Ethnien mit einer großzügigen Summe entschädigen. Denn tatsächlich ist diesen Völkern von den Deutschen ein unglaubliches Unrecht angetan worden, das bis heute nachwirkt.

Hamann Die Bundesregierung verweigert sich einer Entschädigungszahlung mit der Begründung, in Namibia mehr Entwicklungshilfe zu leisten als in anderen afrikanischen Ländern.

Timm Das reicht nicht. Es muß über die Entwicklungshilfe hinaus gezielte Zusatzzahlungen an die geschädigten Völker geben.

Hamann Im kommenden Jahr jährt sich der Beginn des Kolonialkriegs gegen Herero und Nama zum 100. Mal. Eine Folge des Jahrestags wird eine gesteigerte Präsenz dieses Krieges in den Medien sein. Erwarten Sie von Veranstaltungen und Publikationen zu diesem Jubiläum eine tiefgreifende Änderung des Geschichtsbewußtseins?

Timm Nein, die erwarte ich nicht. Dieser Krieg wird ein wenig Aufmerksamkeit bekommen, aber das wird viel zuwenig sein. Dabei sind die Folgen der deutschen Kolonialzeit in Namibia noch allenthalben präsent. Bei unserem letzten Besuch waren wir am Waterberg, wo 1904 die Herero regelrecht abgeschlachtet wurden. Das ist einer der schönsten Orte der Welt, wirklich. Der Platz, an dem die Schlacht damals stattfand, befindet sich heute noch in der Hand eines deutschstämmigen Farmers.