Volker Sielaff

Mystik im Teeglas

Über den russischen Lyriker Oleg Jurjew

(aus Heft Nr. 202, S. 250-251)

Einer der interessantesten russischen Gegenwartsautoren dürfte der seit 1991 in Frankfurt am Main lebende Lyriker und Romancier Oleg Jurjew sein, von dem soeben im Verlag Jung und Jung eine zweisprachige Auswahl seiner Gedichte erschienen ist (In zwei Spiegeln, Salzburg 2012).

Es ist auf dem deutschsprachigen Büchermarkt leider nicht selbstverständlich, dem Leser bei übersetzten Gedichten auch die Originaltexte mit zur Verfügung zu stellen. So kann man den Salzburger Büchermachern nur ein Lob dafür aussprechen, dass sich jeweils auf der linken Buchseite auch die im kyrillischen Alphabet gedruckten Originaltexte der Gedichte finden, was, ganz nebenbei, auch optisch schön anzuschauen ist.

Vor zwei Jahren erschien im Gutleut Verlag ein schmales Bändchen Jurjews, für das es aber gar nicht erst eines Übersetzers bedurfte. Denn sein Poem „Von Orten“ hat der Dichter in beiden Sprachen geschrieben, es ist im Original Russisch und Deutsch. Vier Jahre hat er dafür gebraucht. Die Texte des Buches fließen in Langzeilen dahin und überschreiten die Genregrenzen. In ihrem Sprachfluss erinnern sie an die lyrischen Stücke eines Francis Ponge, in ihrem überbordenden Einfallsreichtum an die Logbücher eines Tom Raworth (Logbuch, Verlag das Wunderhorn, Heidelberg 2011).

In seinem Poem „Von Orten“ entdeckt Jurjew ein Frankfurt, wie wir es so vor ihm noch nicht gesehen haben: „In den Alleen zuckten die Laternen. Bedrohlich roch es nach vorgewittrigem / Moder. Die Bäume hockten sich hin und griffen sich an den Kopf.“ Aber auch fernere Orte geraten in den Blick des Dichters: Zürich, die Nordsee, Chicago, Florenz.

Der Leipziger Schriftsteller Jan Kuhlbrodt hat Oleg Jurjew einen Mystiker des Alltags genannt, ihm „eine Mystik im Teeglas“ sowie einen „spezifischen Humor“ bescheinigt. Jurjews Humor kommt gewissermaßen aus dem Metaphorischen und aus der Anschauung.

An das Poem „Von Orten“ knüpft Jurjew nun mit dem Poem „Von Zeiten“ an, das gerade im Entstehen begriffen ist und aus dem wir hier fünf Texte vorab drucken. In einem davon läuft die Zeit rückwärts und der Erzähler wird genau sechzehn Minuten jünger. Es ist nicht sicher, ob dem Leser dieses Minipoems Gleiches widerfahren wird, während er es liest. Es gibt Blitze aus Eis ebenso wie klirrend-klare Sommer in diesen wundersamen Texten, in denen vielleicht auch ein Daniil Charms seine Spur hinterlassen hat. Und es gibt das schöne Wort „Nasenwurzelstadt“.

Er sei glücklich, hat Oleg Jurjew einmal gesagt, wenn er auf seiner Terrasse sitzen darf, Gedichte zwitschern kann und keinen Roman schreiben müsse, um die Welt zu verstehen.

Oleg Jurjew wurde 1959 in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, als Sohn einer Lehrerin und eines Violinisten und Konservatoriumsdozenten geboren. Heute lebt er mit der Lyrikerin Olga Martynova und dem Sohn Daniel in Frankfurt. Neben den noch unveröffentlichten Texten aus dem Poem „Von Zeiten“ drucken wir einige Gedichte aus Jurjews aktuellem Lyrikband In zwei Spiegeln.