Leinsee

Romanauszug

(aus Heft Nr. 205, S. 53-59)

1.    Heimkehr

Dieses Gelb war unangemessen. Woher die Farbe kam, konnte Karl sich nicht erklären. Soweit er sich erinnerte, hatte er nichts Gelbes gegessen. Seit zwanzig Minuten kotzte er sich – ja, was eigentlich – aus dem Leib. Kanarienvogelgelb in silberner ICE-Kloschüssel, ganz hübsch, ein schönes Bild für – ach, auch egal. Er drückte den Spülknopf.

Als der Anruf gekommen war, war Mara ans Telefon gegangen. Sie hatte die Stirn gerunzelt und gesagt: „Ja. Einen Moment.“ Sie hatte ihm den Hörer gereicht und ihn nicht mehr aus den Augen gelassen, die Hand auf der Brust in Ahnungspose, zu allem Überfluss auch noch umleuchtet von der Sonne, die hinter ihr durchs Fenster fiel.

Mara. Wahrscheinlich holte sie gerade sein schwarzes Jackett aus der Reinigung. Das war für die Vernissage gedacht gewesen. Praktischer Zufall, dachte Karl und ärgerte sich sofort darüber. Andererseits: Irgendetwas musste er ja denken, er konnte ja nicht einfach aufhören damit, und dieser Gedanke war genauso gleichgültig wie jeder andere. „Soll ich mitkommen?“, hatte Mara gefragt, und Karl hatte den milden Ton in ihrer Stimme nicht ertragen und gesagt: „Nein. Komm dann zur Beerdigung.“ Erhängt, hatte die Polizistin am Telefon gesagt. Karl überlegte seitdem, wie das aussehen musste: Sein Vater, erhängt. Im Salon. Am Lampenhaken.

Aber er bekam nicht einmal mehr zusammen, wie sein Vater im Leben ausgesehen hatte oder auf Bildern. Er erinnerte sich nur an Choreographien: die Bewegungen des Vaters beim Reden, beim Gehen, beim Essen und so weiter, festgeschraubte Schultern und darüber ein hektischer Kopf. Karl sah alle Posen vor sich, die Kleidung, die Orte, aber das Gesicht war ihm verloren gegangen. Nicht mal mehr ungefähr hatte er es vor Augen. Stattdessen die schöne, konkrete Oberfläche der Silberschüssel. Früher hätte jemand in seiner Situation das Gleisbett durch das Kloloch sehen können, dachte Karl, das wäre vielleicht ein tröstlicher Anblick gewesen, das gleichmäßige Vorbeiziehen der Schwellen, wahrscheinlich tröstlicher als die Landschaft. Er versuchte, den Gedanken festzuhalten. Aber dann musste er sich schon wieder übergeben. Rachen, Zunge, Nase, alles brannte, trotzdem, nach diesem Mal war es besser. Karl blieb noch ein bisschen knien für alle Fälle, aber es kam nichts mehr. Er stand auf, seine Knochen taten weh, er musste sich auf das Waschbecken stützen.

Sein Gesicht im Spiegel kippte hin und her wie ein Vexierbild. Das hatte er erwartet. Das war nicht mal besonders originell. Er griff sich ein paar Papierhandtücher, hielt sie unters Wasser und wischte sich den Mund ab. Im Spiegel fischte er nach seinen Augen, als er sie hatte, fixierte er sie einen Moment lang, atmete ein und trat dann auf den Gang hinaus.

Da standen Leute und glotzten ihn an. Wahrscheinlich hatten sie die Kotzgeräusche gehört, und alles in allem war er wohl kein besonders erbaulicher Anblick: Er war ein dreißigjähriges Dornengestrüpp. Er schwitzte und fror, außerdem spürte er deutlich, dass er nicht unerheblich geschrumpft war, das musste irgendwie mit der Fahrtrichtung zusammenhängen. Vielleicht irritierte die Leute auch, dass er ein Kippbild war. Also glotzten sie eben, was sollten sie machen, das hatte er erwartet. So höflich er konnte, nickte er allen der Reihe nach zu, dann wankte er zurück in sein Abteil.

Dort war es etwas besser, dort waren es nur noch zwei, beide allein reisend, beide mit Buch, eine junge Frau im blauen Kleid, mit Zopf und nackten Füßen in Sandalen und eine etwas ältere im Trenchcoat, mit hautfarbenen Strümpfen. Um zu seinem Platz zu kommen, musste er kompliziert über ihre vier Beine steigen. Wahrscheinlich roch er irgendwie, vielleicht hatte er auch ein bisschen geflucht, als er seine Füße zwischen ihre zu setzen versuchte, jedenfalls glotzten sie auch, aber nur kurz, dann klebten sie ihre Blicke in die Bücher, und Karl war ihnen dankbar und legte seine Schläfe ans Fenster, um das Glas zu fühlen und zu sehen, wie sich die Landschaft von ihm wegbewegte.

Die norddeutsche Tiefebene war fortgezogen worden, stattdessen gab es jetzt Wald ohne Horizont. Bäume und Bäume und Bäume auf irgendeinem Gelände, das sich dicht neben dem Fenster auftürmte und den Raum abschloss wie eine Wand. Das musste Hildesheim sein, so ungefähr. Aus dem Fenster zu sehen half ein wenig gegen den Schwindel. Sein Schrumpfen musste tatsächlich eine Folge des Rückwärtsfahrens sein. Das war plausibel. Mit der Ursache vor Augen war es leichter zu ertragen: Er schrumpfte, aber wenigstens wurde er nicht verrückt.

Karl nahm sein Handy aus der Hosentasche und legte es vor sich auf das Tischchen. 16:19. Keine neuen Nachrichten. Also operierten sie noch. Also lebte sie noch. Sobald es etwas Neues gäbe, wollten sie sich melden. Aber gleich kam Hildesheim. Und danach kamen immer diese vielen Tunnel, das wusste er noch. Da würde es Funklöcher geben, und wenn die Mutter ausgerechnet dann stürbe, würden sie ihn nicht erreichen. „Raumforderung“, das Wort hatte Karl gefallen, es klang nach Sternfahrt und Kraft und so weiter, und er hatte es noch nie gehört. Seine Mutter würde mit hoher Wahrscheinlichkeit noch heute einer Raumforderung erliegen. Karl hatte nichts gesagt, nur ins Telefon geatmet, und der Arzt hatte „Hirntumor“ gesagt und „Koma“ und „plötzlich“ und „faustgroß“, und Karl hatte geatmet, und der Arzt hatte „Notoperation“ und „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ gesagt und „nicht“ und „keine Zeit zu verlieren“ und „trotz allem unser Bestes“. Und Karl hatte geatmet und an den Schädel seiner Mutter gedacht, an ihre Stirn, an ihren Hinterkopf. Dunkle Locken. Einmal hatte er seine Nase in ihr feuchtes Haar gehalten. Da musste er drei oder vier gewesen sein. Seine Mutter war mit ihm auf dem Rücken durch den Garten gerannt, im Badeanzug, barfuß, unterm Strahl des Rasensprengers, hin und her, immer wieder. Sie hatte laut gelacht, und Karl hatte sich an ihr festgeklammert und geschrien und nicht genug bekommen.

Der Vater hätte ihn anrufen müssen, verdammte Scheiße. Nicht einmal deswegen hatte er ihn anrufen können. Stattdessen hatte die Polizistin angerufen und der Arzt, und der Vater baumelte währenddessen vom Lampenhaken im Salon, weil er es nicht hatte aushalten können.

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