Sema Kaygusuz

Eine Stelle in deinem Gesicht

(Romanauszug)

(aus Heft Nr. 195, S. 382-387)

Es muss von Bedeutung sein, dass Hizir und der Zweigehörnte in ein und derselben Nacht gezeugt wurden. Nebeneinandergestellt gleichen sie zweieiigen Zwillingen. Eine himmlische Persönlichkeit, erlangt, indem seine Mutter Eliha das Schicksal beherzt in die Hand nahm, der eine, der andere ein Weltenstürmer, an dem sein Vater stets etwas auszusetzen haben sollte. Hizir der Sohn, den seine Mutter sich abgerungen, der Zweigehörnte der Sohn, den sein Vater säte. Der eine gezeugt in dem Augenblick, da der Stern aufging, der andere in dem Moment, da er im Zenit seiner Bahn innehielt. Unter zwei verschiedenen Konstellationen desselben Sterns ins Leben getreten zu sein machte Hizir und den Zweigehörnten zu Weggefährten und bestimmte zugleich die unüberwindbare Distanz zwischen ihnen.

Den Zweigehörnten kennst du, eine recht vertraute Persönlichkeit ist er. Ein Herrscher wie Sultan Süleyman, Alexander von Mazedonien oder Sultan Mehmed Fatih der Eroberer, den Blick auf die Welt gerichtet. Ein gewaltiger Kämpfer, den der Traum von den Ländern entflammte, die er erobern würde, mit den zwei Hörnern auf der Stirn prachtvoll gleich einem pechschwarzen Stier. Hizir dagegen, weil die Mutter bei der Geburt verschied, ein introvertiertes Kind, es hockt an Gewässern, damit beschäftigt, seinen Gedanken nachzuhängen, liebt Pflanzensamen und Baumwurzeln und bestaunt die Zyklen der Erde. Still und fragil im Verhältnis zum Zweigehörnten, seinem Milchbruder, der sich in jungen Jahren schon mit dem Schwert gürtet und der Kampfeskunst widmet.

Der Makel der Mutter stak Hizir tief im Fleisch. Seinen knochenlosen Finger nimmt er nicht als Zeichen für ein privilegiertes Leben, sondern als Hinweis darauf, dass ihm künftig sämtliche Knochen verkümmern. Zudem pflegt er beunruhigende Gedanken wie den, noch vor dem Tod zu sterben. Er hegt die Auffassung, man müsse, um das Tor zur Unendlichkeit zu durchschreiten, fähig sein, sich im Leben aufzulösen. Obendrein ist er hässlich. Die von Eliha geerbte attraktive Unansehnlichkeit versteht er indes als Element des Ruhms, das es zu bereinigen gelte. Während der Zweigehörnte sich auf den Plätzen der Stadt einen Gegner nach seinem Geschmack zum Ringkampfe sucht, flüchtet sich Hizir, der die Aufmerksamkeit nicht schätzt, in die Berge. Nie isst er sich richtig satt, trinkt nie Unmengen von Wasser, verzehrt Fleisch nur im Notfall, kann, wenn er nichts Essbares findet, den lieben langen Tag auf einem Weinblatt kauen und Abrahams unsichtbarem Gott danken. Das Streben gibt er auf und hält sich an Taten. Er widmet sich der Auslöschung des Ich.

Melchisedech aber missfällt das Benehmen seines Sohnes. Dass Hizir sich aus dem Staub macht, betrachtet er als Ungehorsam gegenüber seiner Macht, als seine Herrschaft missachtenden Mutwillen, vor allem aber als Respektlosigkeit gegen sein Recht auf Vaterschaft. Nichts in seiner Macht Stehendes lässt er unversucht, das Einsiedlerleben seines Nachfolgers, dem er einst die Herrschaft überlassen wird, zu zügeln. Wohin Hizir sich auch flüchtet, schickt er ihm Getreue hinterdrein und lässt ihn unverzüglich zurückholen. Hält Hizir sich in einer Höhle, im Hohlraum eines Baumes oder auch in der Hütte eines Hirten verborgen, lässt er den Winkel des Verstecks zerstören, besetzt die Heimstätte, die der Sohn sich aus Stille geschaffen, führt ihm Frauen zu, um seinen eintönigen Puls in die Höhe zu treiben, zwingt ihn, Wein zu trinken, stößt ihn hinein in sinnliches Vergnügen. Dabei ist Hizir berauscht seit dem Augenblick seiner Geburt, sein Kopf ist stets umnebelt, wenig Worte macht er, seine Augen zu Schlitzen verengt, dass kaum Licht einzudringen vermag. Des Leibes ist er überdrüssig, er will ihn nicht zurück. Die ihn umschmeichelnden Frauen, der Wein an seinem Gaumen vermögen nicht ihn zu betören.

Unterdessen kommen über Hizir mannigfache Gerüchte auf. Man vergleicht ihn mit Idris, dem geheimnisvollen Propheten alter Zeiten. Idris, der nicht gestorben war und dessen Existenz, eben da er nicht gestorben, ein ewiges Rätsel blieb, hatte Augen, so scharf, dass er auf einen Blick die Anzahl sämtlicher Blätter am Baum bestimmen konnte. Er war imstande, den Wolken Anweisungen zu geben, berühmt war er für seine unbeirrbaren Voraussagen, und er war ein Weiser, gesegnet mit den drei großen Gaben dieser Welt – Weissagen, Weisheit und Ansehen. Er war der erste Mensch, der ein Schreibgerät zur Hand nahm und schrieb, nachdem er nur vier Mal mit einem blatternarbigen Fremden, den manche für einen Geist, andere wiederum für einen Engel hielten, zusammengetroffen war. Sein insgesamt dreißig Seiten umfassendes Werk präsentierte er als Offenbarung. Obwohl er zweiundsiebzig Sprachen fließend beherrschte, brachte er keinen der zweiundsiebzig Stämme Babylons dazu, auch nur einen einzigen Satz aus diesem Buchs anzunehmen. Verbittert, weil niemand ihm glaubte, zog er sich zurück und widmete sich dem Schneiderhandwerk. Von seiner Mutter Esvet, der Erfinderin der Nadel, hatte er die Geschicklichkeit, so begann er, zwischen Gewebe und Körper eine Beziehung herzustellen. Beim Nähen kam ihm unablässig ein und derselbe Satz über die Lippen: „Ich für meinen Teil habe das Paradies gesehen und die Hölle ebenfalls.“ An dem Tag, da dieser immerfort gemurmelte Satz seine tröstende Kraft einbüßte, verschwand Idris auf einen Schlag. Keine Fußspur, keinen Blutfleck hinterließ er. Nie wieder ward von ihm gehört.

Dass Idris lange Zeit nach seiner Entrückung bei lebendigem Leib in der Gestalt Hizirs wieder auflebt, ist auch Hizirs Spukhaftigkeit geschuldet. Mit jedem Tag nähert Hizir sich mehr dem Ebenbilde Idris’ an. Auch er schleicht sich davon, wie Idris, und kehrt zurück mit einem beunruhigend verklärten Ausdruck im Gesicht, als sei ihm die Lösung des Weltenmysteriums zuteilgeworden. Er weiß etwas, nur was? Was auch immer es sein mag, dessen sein Sohn gewahr geworden ist, Melchisedech quält es, ihn nicht fassen zu können, und seine Wut darüber schwillt von Tag zu Tag. Verzweifelt lässt er Hizir in Ketten legen. Eine Schale Wasser, zwei Stück Brot am Tag prüfen die Geduld des Sohnes. Glückselig schaut Hizir in der Kerkerfinsternis himmlische Welten und irdische Verliese. Wutentbrannt lässt Melchisedech den Sohn tagtäglich peitschen, vierzig Mal, bis sich die Haut in Fetzen von ihm löst. Seither misst Hizir das Maß der Welt mit vierzig. Vierzig zählt für ein Mal, vierzig Tage sind bei ihm nur einer, vierzig Mal Schmerz ist ihm ein einziger, vierzigtausend Atemzüge eintausend nur, so dehnt sich für Hizir mit jedem Tag die Zeit. Als Melchisedech es aufgibt, auf den Sohn zu hoffen, verlässt ein einziger Hizir den Kerker, der vierzigfache Qual erlitten. Das Licht blendet seine Augen.

Allein der Zweigehörnte wartet draußen auf Hizir. Messerscharf ist sein Blick. Vollkommen im Einklang mit den hornartigen Beulen auf der Stirn ist der Zweigehörnte. Halb Tier, blickt er mit einem göttlichen Auge auf die Völkerscharen herab, die er niedermetzeln wird. Seit dem letzten Treffen sind die Adern an seinem Hals mächtig angeschwollen. Hizir ist Haut und Knochen, er dagegen imposant gleich einer gewaltigen Statue. Der Ehrgeiz hat ihn gebräunt. Der beständige Gedanke an die Orte, die er mit seinem Heer von fünfhundert Mann, zur Hälfte mit Pfeil und Bogen, zur Hälfte mit Streitkeulen gerüstet, erobern, an die Burgen, die er auf den Gipfeln erbauen, und an den gusseisernen Wall, den er gegen den Einfall der Stämme Gog und Magog, die Verbreiter des Bösen auf Erden, errichten wird, hat ihn an Ort und Stelle in ein Monument verwandelt. Nur den Tod fürchtet der Zweigehörnte. Weist sein Körper eine Wunde auf, wird ihm seine Verletzlichkeit bewusst, und er gerät in Panik. Erschrickt, wenn sein Haupt von Läusen befallen, sein Magen übersäuert, sein Auge aufgrund eines Stäubchens tränt. Gerüchte über die Qualen im Reich der Toten lassen ihm das Blut gefrieren. Aus diesem Grund trachtet der Zweigehörnte Unsterblichkeit zu erlangen, bevor er sich zum Weltenherrscher aufschwingt. Er muss es finden, das magische Wasser des Lebens, dessen Loblied die Dichter singen, dessen Karte die Magier in Trance zeichnen, nach dem schon Gilgamesch vergeblich gesucht. Es gibt nur diese eine Lösung, er muss kosten vom Wasser des Lebens, das an einem fernen, in einer der Handschriften seines Vaters erwähnten Ort unter einem Jaspisfelsen hervorsprudelt.

Nun packt der Zweigehörnte Hizir bei der Schulter, schüttelt ihn, spricht: „Bruder, komm, lass uns fortgehen.“

„Einverstanden“, sagt Hizir, die Reife der Gelehrten im Gesicht, mit der Leichtigkeit einer Feder, die schwebt, wohin der Wind sie weht.

Als Hizir und der Zweigehörnte samt fürstlichem Heer mit großem Getöse zur Stadt hinausziehen, treffen sie auf Abraham den Propheten, der seinen Sohn Isaak zum Berg Moriah führt, um ihn zu opfern. Mit einer Hand führt Abraham den mit Brennholz beladenen Esel am Halfter, mit der anderen Isaak, seinen über alles geliebten Sohn. Traurige Entschlossenheit drückt seine Miene aus. Isaak zittert neben seinem Henker am ganzen Leibe, im Blick das Grauen eines Opfers. Infolge all der Albträume von klein auf an ist das Kind leichenblass. Der bohrende Neid, eines durch die Prüfung seines Glaubens gehenden Vaters Sohn zu sein, dessen Glauben geopfert wird, macht ihn verschlossen. Hizir streicht dem Kind ermutigend übers Haar. Isaak schreckt zwei Schritt zurück. Der Prophet Abraham lässt Isaaks Hand fahren, umarmt innig den Zweigehörnten, gab ihm gute Wünsche mit auf den Weg. Seit jenem Tag steht am Anfang aller Geschichte stets die Nähe von Eroberern zu Propheten. Treffen ein Weltenstürmer und ein Prophet aufeinander, fällt über einen Isaak nie ein Wort.

Stell dir ein Heer vor. Wo die Soldaten, die einen in Leder, die anderen in Ziegenfell gekleidet, auch vorbeikommen, spritzt das Blut. Jeder Schritt lässt sie altern, je älter sie werden, desto ähnlicher werden sie einander, statt ihren Vätern zu gleichen. Den meisten fielen die Zähne aus, seit sie fortgezogen von daheim. Sie hinterlassen vaterlose Kinder, auf den Dreschplätzen der Dörfer geboren, die sie brandschatzten, und gewöhnen so die Welt daran, sich als Waise zu fühlen. Jede Verwundung verändert sie. Jeder Einzelne ein Schreckgespenst, mit Beute geschmückt, wälzen sie sich gleich einer gigantischen Kreatur, blind, verkrüppelt, humpelnd und blutrünstig, mit Getöse gen Osten. Um das Wasser des Lebens aufzuspüren, vergießen sie Blut, trinken Wasser aus jedem Fluss, den sie erobert, aus jedem Kratersee, den sie umzingelt, aus jedem Wasserfall und laben sich an sämtlichen Elementen dieser Erde. Zwischen zwei Plünderungen und einem Massaker erfahren sie, wie anders Schwefel schmeckt als Natrium, und ziehen weiter ins Land der Finsternis, um Magnesium zu kosten. Sie lösen das Geheimnis des Steins, diese Männer, entdecken die Bausteine der Natur und alle Arten des Wassers. Bevor ihnen delikate Kenntnisse zuteilwerden, reißen sie den Völkern die Leber aus dem Leib. Pest und manch anderen Fluch breiten sie unter den Menschen aus, führen Schritt um Schritt das Leid auf der Welt spazieren. In Begleitung grauer Stürme überwinden sie Ebenen, treffen auf einen Barden, der nie zuvor einen Gedanken an das Wasser des Lebens verschwendet, der kein anderes Ziel kennt als in der Luft hängende lebendige Worte zu pflücken, auf einen Abdal, einen heiligen Derwisch, der über nichts befiehlt als seinen Krückstock, auf einen Zimmermann, der die Erkundung der Eigenart der Platanen wagt, auf Reisende auf der Suche nach den Grenzlinien ihres Königreichs, auf einen Schamanen, der mit seinen Gewändern aus Uhufedern zum Kern des kosmischen Wesens entschwebt. Von welchem Wasser diese seltsamen Männer wohl getrunken haben, dass sie sich so allein auf den Weg machen, treibt sie längst nicht mehr um. Als sei das Wasser des Lebens, das einem unbekannten Felsen entspringt, allein dem Zweigehörnten bestimmt, kümmern sie sich nicht im Geringsten um die geistige Quelle der versponnenen Einsiedler. Voran aber reitet der Zweigehörnte auf seinem Rappen, befehligt das Heer in all seiner Pracht, ohne auch nur zu ahnen, dass der einzige Mensch, der vom Wasser des Lebens je kosten wird, gleich hinter ihm reitet: Hizir auf seinem Grauschimmel.

Was meinst du, irrt der Zweigehörnte oder wird er genarrt? Ist er gar Gefangener des Heldenmärchens, das man seinem Namen noch vor seiner Geburt zugeschrieben? Vielleicht ist er ein ganz Gewöhnlicher, der eigentlich nichts lieber täte, als Wachteln zu jagen und zu ringen, jedoch gezwungen ist, zu Feldzügen zu rüsten, auch auf die Gefahr hin, an der in ihm brennenden Leidenschaft für die Ewigkeit zugrunde zu gehen, geschmiedet an einen anderen Zweigehörnten, der ihm immer wieder im Traum erscheint. Die Hörner sind ausgebildet bei jenem, und der Bart fällt ihm in schwarzen Locken auf die Brust. Vielleicht auch hat er die Ewigkeit längst aufgespürt, ist sich dessen aber nicht bewusst.

Deine Großmutter erzählte ein Märchen vom Zweigehörnten, entsinnst du dich? Da zog der Zweigehörnte mit seinem furchtlosen Heer ins Reich der Finsternis, in dem nie die Sonne aufgeht. Vor einem Palast gebot er Halt, dann pochte er drei Mal ans Tor.

Eine kräftige Stimme erklang dahinter: „Wer bist du?“

„Der Zweigehörnte bin ich!“

Gemächlich schwang das eisenbeschlagene Holztor auf. An dieser Stelle des Märchens hast du die Augen weit aufgerissen. Mit angehaltenem Atem konntest du hören, wie das Quietschen der rostigen Scharniere die Stille zerriss.

Der Mann im weißen Hemd mit einem Teint wie von Lilien, als ähnele er nur einem Mann, blickte dem Zweigehörnten abschätzig in die Augen. „Na, Zweigehörnter, reichen dir die Länder nicht, die du erobert hast, dass du jetzt hier bei mir vor der Tür stehst?“

Der Zweigehörnte wies seine leeren Hände vor und entgegnete: „Mir gehört nichts. Alles, was ich besaß, habe ich unter meinen Soldaten verteilt.“

„Das Ende naht, selbst wenn du Besitz hättest, wäre er doch wertlos“, sprach der junge Mann. „Ich bin Israfil, der mit dem Horn. Wenn der Befehl zum Blasen ergeht, wird jeder den gellenden Ton hören. Dann wird hier das Jüngste Gericht abgehalten.“ Er zog etwas wie einen Stein aus der Tasche und reichte es dem Zweigehörnten. „Nimm und prüfe dich daran!“

An dieser Stelle des Märchens dachtest du unwillkürlich an deine Steine, die du an Stränden und Berghängen gesammelt hattest. Du wusstest noch nicht, warum du Steine liebst. Ich vermute, in ihren Oberflächen, umhüllt von Spiritualität, hast du eine geheimnisvolle Vollkommenheit gesehen. Eine mathematische Vollkommenheit. Einmal, als du im Kiefernwäldchen von Sarýkamýþ spazieren gingst, fandst du einen Obsidian, ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen. Für dich war jener Stein das Bruchstück von einem pechschwarzen Planeten, dessen Oberfläche strahlend glänzte. Du warst überzeugt davon, er stamme nicht von der Erde, sondern sei auf die Erde herabgefallen. Mit deinem Seelenhauch, glaubtest du, habest du dieser groben, ungeschlachten Materie Leben eingehaucht.

Der Stein, den Israfil dem Zweigehörnten überreichte, lag jenem dagegen sehr leicht in der Hand. Tagelang schob er ihn von der rechten in die linke Hand und schätzte sein Gewicht ab. Er trug ihn in seinem Helm bei sich, barg ihn an der Brust, ließ ihn in seinen Taschen mit sich wandern. Er rieb den Stein zwischen den Handflächen, um ihn zu wärmen. Wie oft beobachtete er, wie der Stein anschließend langsam wieder auskühlte. Er verglich den Stein mit der Größe seiner Handfläche, seiner Ferse, seiner Schulterspitze, seiner Kniescheibe. Er war außerstande, das Verhältnis zwischen dem Stein und sich selbst zu bestimmen, und ging dazu über, den Stein mit anderen Steinen zu vergleichen.

Den Stein an Steinen zu messen führte vermutlich zur großen Ausweglosigkeit des Zweigehörnten. Denk nur einmal, wie lassen sich denn Steine miteinander vergleichen? Der eine Granit, der nächste Quarz, einer Marmor, ein anderer Amethyst, einer rund, ein anderer flach, einer porös, ein anderer glatt. Wie könnte ein Stein das Gegenstück eines anderen Steines sein, dass man den einen betrachte und an ihm erkenne, welches Mysterium der andere berge?

Schließlich sah der Zweigehörnte ein, dass er nicht weiterkam, und beschloss, nicht die Steine selbst miteinander zu vergleichen, sondern ihr Gewicht. Als er seinen Stein in die eine Waagschale legte und einen von vergleichbarer Größe in die andere, ahntest selbst du, die du hingerissen der großmütterlichen Erzählung lauschtest, dass Israfils Stein schwerer wog als alle anderen Steine auf Erden. Und so war es auch. Selbst als der Zweigehörnte wer weiß wie viele Kilos von Steinen auf die Waage häufte, wog doch Israfils Stein wieder am schwersten. Der Zweigehörnte war erschöpft, war derart geschlagen wie ein Befehlshaber, der sämtliche Kämpfe verloren hatte. Mit unendlich vielen Heeren hatte er es aufgenommen, das Rätsel eines einzelnen Steins zu lösen aber war er unfähig.

Was du Herz nennst, ist eine bodenlose Zisterne, ein finsterer Ort, an dem du das Gleichgewicht verlierst und in einen endlosen Strudel stürzt, wenn du versuchst, ihn mit dem Verstand zu ergründen. Als der Zweigehörnte jenen düsteren Raum betrat und sich dabei ertappte, wie er sich auf Erden mit einem Stein die Zeit vertrieb, erzürnte ihn die Lage, in die er geraten war, über alle Maßen. Die Zeit, die er um eines Steines willen vergeudet hatte, hielt er für vergängliche Zeit. Er fand keinen Ausweg und wandte sich an Hizir. „Rette mich, Bruder, ich flehe dich an, befreie mich von diesem Stein“, bettelte er und hoffte, sein Milchbruder würde sein im Wesen eines Steins verkeiltes Ich erlösen. Mit der ihm eigenen bewundernswerten Ruhe nahm Hizir dem Zweigehörnten den Stein aus der Hand, hob ihn gegen das Licht und musterte ihn ausgiebig, als schaute er etwas darin. Auch du kniffst die Augen zusammen. Jedes Wort, das deiner Großmutter über die Lippen kam, eroberte eine Stelle in deinem Gesicht. Du lebtest in der Zeit der Erzählung, in einer anderen Dimension. Das Märchen wurde zur eigenen Erfahrung für dich, zugleich erinnertest du dich an etwas vor langer, langer Zeit Erlebtes. Die Dinge entwickelten sich, und du sahst zu. Hizir hatte den Stein des Zweigehörnten in die eine Waagschale gelegt, in die andere aber nur eine Handvoll Erde gestreut. Damit bewies er die Gleichgewichtigkeit von Erde und Stein. Eine derart schlichte Lösung hatte der Zweigehörnte selbstverständlich nicht erwartet. Seit jener Zeit ist die Schlichtheit ein blendendes Licht, das deutlich macht, wie trivial ein banaler Gedanke ist.

„Schön und gut“, fauchte der Zweigehörnte, „aber erklär mir jetzt sofort, wie du auf den Gedanken gekommen bist, den Stein mit Erde aufzuwiegen!“

Hizir warf Israfils Stein zu Boden und legte seinem Milchbruder den Arm um die Schulter. „Ich weiß nicht, wie ich darauf gekommen bin. Als ich den Stein sah, kam mir in den Sinn, was ich wusste.“

Der Zweigehörnte war nicht überzeugt. „Ja, ist das denn nun das ganze Geheimnis des Steins, dass er so viel wiegt wie eine Handvoll Erde?“

„Verstehst du denn nicht?“, entgegnete Hizir verstimmt. „Dieser Stein hat kein Gewicht. Er ist ein Sinnbild für die Nähe und Distanz zwischen uns, er ist das Abbild für das Maß zwischen dir und mir, zwischen mir und dir.“

Diese Steine geben manchmal mehr Töne von sich als Menschen. Von Felsbrocken, aufgestellt als Zeichen für einen Versammlungsort der Götter, von Grenzsteinen, von Grabstelen, vom Stein Beth-El, auf den Jakob erst den Kopf bettete und den er anschließend als Himmelstor auf einen Pfeiler pflanzte, von den heiligen Felssteinen, die von Stämmen in Afrika poliert werden, bis sie glänzen, vom Haceru’l Esved, dem schwarzen Stein in der Kaaba, von marmornen Opfersteinen, auf denen Opfergaben dargereicht werden, von Meteoritenbruchstücken, an deren Einschlagstellen Tempel errichtet werden, überträgt sich ein raues Gefühl von Unendlichkeit auf den Menschen. Berührst du die Steine, wird mir angenehm kühl. Wohlige Verzückung durchströmt mich. Ein Stein, stamme er nun aus dem Sand, aus einem Flussbett oder von einem Berghang, erinnert daran, dass es möglich ist, mit dem Universum zu verschmelzen. Dabei ist ein Stein etwas ganz anderes. Ein Fremdling. Er entbehrt noch des kleinsten Hinweises auf den ihm immanenten Willen. Ein mächtiger Fels, im Auge des Menschen zum Monument geronnen, stellt einzig seine eigene Formation dar, doch aufgrund dieses Felsens breiten sich im Raum menschliche Schwingungen aus.

Was ich sagen will, auch du nähertest dich einem Stein an, je länger deine Großmutter erzählte. Die Kieselsteine, die den Menschen am Menschen messen, Achate, Quarze, goldgeäderte graue Steine berührtest du. Da hub deine Großmutter an, von endlos weiten Steppen zu sprechen. Nun betrachtetest du aufmerksam die Steppe. Am Horizont erstrahlte ein weißes Licht. Im Herbst spielte der Boden ins Rötliche, vom Wind gepackte Disteln verfingen sich ineinander und rollten als kolossale Knäuel übers Land. Der Zweigehörnte grollte Hizir heimlich. Lange hatte er gegrübelt, um Hizirs Worte zu begreifen, doch er fand in seinem Herzen nicht die Weisheit des Steins, der den Menschen am Menschen maß. Wissen aber bedeutet auf gewisse Weise, etwas in sich selbst zu finden. So hatte der Zweigehörnte die Steine mit einer anderen Bedeutung beladen, von der Hizir nichts wissen konnte und niemals erfahren sollte, nur um zu zeigen, dass er aus sich selbst heraus wusste. Als er mit seinem Heer diese platte Steppe erreichte, wandte er sich an seine Soldaten und gab einen verrätselten Befehl aus:

„Zieht in diese Steppe hinein, sammelt Steine, so viel ihr wollt! Wer Steine nimmt und ebenso wer keine nimmt, wird es bereuen.“

Als die Soldaten die Waffen niederlegten und zum Steinesammeln in die Steppe zogen, stellte deine Großmutter dir eine unerwartete Frage: „Wie viele Steine hättest du gesammelt?“

Ohne groß nachzudenken, zucktest du mit den Schultern und gabst zur Antwort: „Ich weiß nicht, vielleicht hätte ich einen genommen.“

Als die Soldaten wieder vor dem Zweigehörnten standen, war jeder einzelne Stein, den sie in der Steppe aufgesammelt hatten, zu Gold geworden. An dieser Stelle des Märchens schmolltest du, außerstande deine Verärgerung zu verbergen. Da stellte dir Großmutter erneut eine Frage: „Bereust du es nun?“ Das Gefühl eines ungeheuren Verlustes saß dir wie ein Kloß in der Kehle, notgedrungen bliebst du die Antwort schuldig.

Wenn du seit dem Tag, an dem du das Märchen vom Zweigehörnten vernommen, mit einem runden Stein in der Hand einschläfst, sehe ich dich als durchsichtige Kugel, die dein Wesen umschließt. Als erreichtest du die totale Einheit, wenn du mit einem Stein in der Hand schläfst. Andererseits ist mir bis heute nicht klar, ob der Stein in deiner Hand Erde bedeutet oder Gold, und welches von beiden du wohl in der Hand hältst.

(Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe)