Radka Denemarková

Geld vom Hitler

(aus Heft Nr. 187, S. 290-298)

Im Apfelgarten bleibe ich stehen. In unserem Apfelgarten.

Ich bin zu Hause.

Mein Herz trommelt heftig in der Brust. Eine unsägliche Hitze und ich höre nicht auf zu frösteln. In jedem Quadratzentimeter hier spüre ich die Anwesenheit meiner Liebsten. Die Anwesenheit eines Lebens, das ich gelebt habe. Jetzt bin ich nur Beobachterin. Ich finde aber schon noch eine Möglichkeit, darüber hinwegzukommen.

Ich muss mir einen Ruck geben. Meine zitternden Augenlider unter Kontrolle bringen. Nicht vor dem Ziel zusammenbrechen, nicht wie vor einer Stunde. Dort. Auf der gleißend hellen Wiese nicht weit vom Straßengraben mit den knorrigen Kirschbäumen. Alles wird gut, ich bin in Sicherheit, das Junge rettet sich ins Nest. Meine Finger berühren die Blütenblätter, schieben die Zweige auseinander, fahren zärtlich über die Holzlatten des Gartenpavillons. Ich überquere den großen, mit polierten Steinen gepflasterten Hof. Vor mir die geschnitzte Eingangstür mit ihrem besonderen Beschlag. Zu Ornamenten verflochtene Schlangenkörper, von Mama entworfen. Und liebevoll angefertigt von dem jungen Schmiedegehilfen Ládínek Stolaø.

Meine steifen Finger umklammern die schwarze Metallkante der Klinke, verdecken die ineinander verschlungenen Schlangenkörper. Mit vollem Gewicht lehne ich mich gegen die Tür. Sie ist nicht verschlossen.

Ich trete ein.

Mit einem unbarmherzigen Schlag trifft mich die Hoffnung direkt zwischen die Augen. Auf dem hohen Garderobenständer in der Halle hängt Papas Hut, er hängt immer noch da, seit es Papa damals nicht geschafft hat ihn aufzusetzen, obwohl er nie ohne Kopfbedeckung aus dem Haus ging. Nie. Damals, als er keine Zeit mehr hatte ihn aufzusetzen, hat ihn die Gestapo abgeholt. Wie gelähmt sahen wir zu. Wie er auf die Ladefläche des kleinen Lastwagens kletterte, wo bereits jemand anderes saß; man rückte zur Seite, um ihm Platz zu machen. Was für eine Schmach. Wie gelähmt beobachteten wir auch Mama, warfen ihr immer wieder hilflose Blicke zu. Sie weinte nicht, sie zeterte nicht, sie geriet nicht in Panik. Der Sturkopf, als ob ich ihm nicht gesagt hätte, lass uns eine Zeitlang zu meinen Eltern nach Prag ziehen, weg aus dem Grenzgebiet, dann sehen wir weiter.

Sie war sicher, dass Papa zurückkommen würde. Dass es sich um einen Irrtum handelte. Am meisten kränkte sie, dass Papa nicht mit einem Personenwagen abgeholt wurde, sondern dass er auf die klapprige Ladefläche zu den anderen musste. Und dass man ihm rabiat die Armbinde herunterriss, die er sich eilig übergestülpt hatte.

Seitdem habe ihn nicht wieder gesehen. Nie wieder.

Jetzt kann ich seinen Hut anfassen.

...

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