Michael Braun

Ich war Teil keiner Kalkulation

Die Dichterin Katharina Schultens überquert den „Bärenmarkt“


(aus Heft Nr. 207, S. 350-351)

Die kalte Rationalität der kapitalistischen Geldlogik auf die Ökonomie der menschlichen Beziehungen anzuwenden – das hatte die Gegenwartsliteratur lange verlernt. Die Verknüpfung von „Warenform und Denkform“ (Alfred Sohn-Rethel) und ihre Übertragung auf die Sphäre sozialen Verhaltens war eine Domäne der spätmarxistischen Kulturkritik, die nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems aus der Gesellschaftstheorie verschwand. Und so blieb es einer Lyrikerin vorbehalten, an den verstörenden Zusammenhang von Finanzmarkt und Gefühlsökonomie zu erinnern. Mit ihrem poetischen Zyklus über Liebesversuche, die der Logik der Börse und der Spekulation von Bären- und Bullenmarkt folgen, hat die 1980 geborene Katharina Schultens die Lyrik wieder an eine sehr reale Welt ökonomischer Rationalität und Irrationalität herangeführt.

Die Turbulenzen der Finanzmärkte mit den unbegriffenen und unverstandenen Emotionsbewegungen von Liebenden und Verlassenen kurzzuschließen – dieses Verfahren hatte auch die Juroren des Darmstädter Leonce-und-Lena-Preises im März 2013 sehr überzeugt. Dass die Autorin das lyrische Ich gänzlich neuartig konturiert, trug ihr die verdiente Anerkennung ein. „Es spricht eine rhetorisch versierte globale Playerin“, so begründete die Jury ihr Votum für Schultens Gedichtzyklus, „ein Ich zwischen Chart-Analyse und Spekulation, betrieben dank Herdendynamo, müde im Labor. Eine Frau, die ... jedes Register zu ziehen weiß und doch ins Stottern gerät, wenn Liebe oder Gott herbeischleichen im Licht schwarzscheinender Marubozu-Kerzen oder wenn in dark pools Dantes Hölle heraufscheint vom löchrigen Grund.“ Der „Bärenmarkt“, auf dem ein skeptisches Ich die Liebes(un)fähigkeit der Männer taxiert, zeigt die fallenden Kurse an für unverlässliche und unprofilierte Liebhaber. Es ist ein kühl die emotionalen Regungen und Verhaltensformen sezierendes, ironiebereites Ich, das da spricht und sich zwecks Objektivierung der Perspektive gerne als lyrisches Kollektivsubjekt („wir“) ausgibt. Diese distanzierte Sprechhaltung schützt vor falscher Expressivität und Gefühlskitsch. Die Liebe ist in diesen Gedichten keine Passion mehr, sondern wird Teil jener Algorithmen, die den automatisierten Handel von Wertpapieren steuern. Im subtilen Spiel der amourösen Risikospiele verteidigt jedoch das Subjekt seinen Eigensinn – in einer Artistik der Selbstbehauptung: „ich war nicht enthalten ich war teil / keiner kalkulation.“

Bereits in ihrem Gedichtband gierstabil (Luxbooks, 2011) hatte Katharina Schultens auf ein Verfahren der Ent-Sentimentalisierung vertraut. Der Terminus „gierstabil“ verweist auf einen Terminus aus der Kinematik und Fahrzeugtechnik, der bestimmte Steuerungstendenzen diverser Land- und Luftfahrzeuge bezeichnet. Und auch ihr 2014 bei Luxbooks erscheinender Band hysteresis, in dem die vorliegenden Gedichte enthalten sein werden, knüpft an die Fachsprache der Fahrzeugtechnik an, denn „hysteresis“ beschreibt eine „systemische reaktion auf äußere einflüsse, nach deren abklingen das system dennoch nicht wieder in seinen ausgangszustand zurückkehrt“.

Just diese Verbindung von multiplen technoiden Strukturen und Körperelementen, von physikalisch-biomechanischen Modi und traditionellen Natur- und Nähe-Metaphern charakterisiert Katharina Schultens’ Dichtkunst. In gierstabil agierte ein un-sentimentales, analytisch beobachtendes, ganz in die prozesshaften Abläufe und technisch- wissenschaftlichen Komplexitäten unserer Gegenwart vertieftes und sachlich registrierendes Ich. In der vorliegenden Auswahl kommen die Spiegelungen und Osmosen zwischen einer Sprache der Liebe und der Finanzmärkte hinzu.

„Ich kann in Matrixstrukturen denken ...“ , hat Schultens einmal notiert. Das Denken in „Matrixstrukturen“ hat die Autorin auch durch ihre Arbeit als Referentin im Wissenschaftsmanagement gelernt. Nach einem Studium der Kulturwissenschaften in Hildesheim, St. Louis und Bologna arbeitete Schultens nach 2006 als Referentin im Bereich Forschungsverwaltung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort ist sie seit 2012 Geschäftsführerin der Graduate School of Analytical Sciences Adlershof. Das Gedicht „alle väter zitterten oder waren fort“ ist bereits in Heft 05 (2012) der Literaturzeitschrift randnummer erschienen, die übrigen Gedichte und die poetologischen Notizen von Katharina Schultens sind Erstveröffentlichungen.