Oleg Jurjew

Aus: Von Zeiten. Ein Poem

(aus Heft Nr. 202, S. 252-258)

Wettervorhersage

 

Der Sommer wird klirrend-klar sein.

 

Rosafarbene und weiße Kastanienpyramidchen werden leuchten, d. h. leuchtenden Dampf ausatmen.

 

Das Gras wird nass-schimmernd und spitz stehen, die Himmelsbläue so tief sein wie nie zuvor.

 

Von den zusammengeballten Alleen — wie von Ballen frischgehäuteter frischgrüner Häute — wird ihr weißes, blendendes Blut hinabtropfen. Das Thermometer aber auf null stehn.

 

Ende Juni werden die Vögel fortziehn, in der dritten Juliwoche die Igel einschlafen. In unseren Mänteln aus Maulwurfpelz werden wir laufen, die dummen blühenden Pflanzen entlang, die nicht zu unterscheiden wissen zwischen Wärme und Licht.

 

Im August wird der Frost unter fünf einsetzen: Alles wird sich mit einem weißen gefrorenen Pulver bedecken: die Rosen, der Wein und das Haar der Frauen.

 

Sogar die Blitze der Gewitter nachts werden aus Eis sein.

 

Es wird Regen geben

 

Die Schwäne, diese aus dem Main hervorragenden weißen, kurzhaarigen Schlangen, werden eilig zum Ufer schwimmen, ihre bäuerlichen Gesichter seitlich hinunterbiegend: beeilter, als ihnen gegeben ist.

 

Die Überseegänse auf ihren Altfrauenbeinen, die seitlich bei ihnen wachsen, werden die Schöße ihrer bunten Röcke erheben und zum Fluss humpeln: geschickter, als ihnen möglich ist.

 

… Die Raubvögel haben, von der Greifenklaue auf der Nase abgesehen, Gesichter wie bei Schlangen und Schildkröten. Diese Gesichter senken sie in der ruhigen Schwüle der Horste: stiller als nötig.

 

Eine Wolke mit Blitz im Innern wird über der Domspitze aufblitzen.

 

Brücken, geöffnete und gestreckte Handschellen, brechen sich ab, wäre es ihnen gegeben und möglich, dürfen das aber ohnehin nicht, deshalb werden sie sich also noch stärker zusammenziehen und die Ufer noch etwas aufeinander zubewegen.

 

Ein Regen noch – und der Fluss macht sich endgültig zu.

 

Es wird aber keinen weiteren Regen geben …

 

Vom Schneemenschen

 

Jemand Kluges sagte: Den Schneemenschen kann man an seinem Gang erkennen – richtig, im Sommer. Denn ihm tropfen die Füße.

 

Im Winter jedoch ist der Schneemensch nicht zu erkennen.

 

Wenn’s schneit selbstverständlich: Kein Schnee, kein Schneemensch.

 

Es ist noch keiner gefallen.

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