Volker Sielaff

Grassprache, grelles Phantom

Über die polnische Lyrikerin Agnieszka Wolny-Hamkalo

(aus Heft Nr. 198, S. 137-138)

Sind das nun Liebesgedichte? Lebensgedichte? Erkennbar ist: Ich und Du in diesen Gedichten zaudern nicht, glauben aber deshalb noch lange nicht, dass sich alles immer sagen ließe. Müsste ich die Poesie der Agnieska Wolny-Hamka³o beschreiben, würde ich von einer Art Einüben des Uneindeutigen sprechen, einem Aufrauen der Alltagssprache in Richtung des Phantastischen, Poetologie des „fast nicht“, aber dann vielleicht doch und gerade? „Deine Finger- / kuppen begeisterten mich, / wie der Psalm sagt. Willst du wissen / welcher – küss mich.“

Wo beginnt, wo endet in diesen Gedichten das Reich des Phantastischen – und: waren nicht seit je die Surrealisten unserem Alltag am nächsten, weil sie am besten wussten, dass Wort und Ding selten aufeinanderpassen? Warum musste ich beim Lesen dieser Gedichte immer wieder an den so surreal-vertrackt wie nüchtern dichtenden rumänischen Lyriker Gellu Naum denken, an seine „Pohesie“?

„Mein Sohn befehligt Armeen, die aus den Wiesen kommen“, beginnt ein Gedicht Hamka³os. Diese eine Zeile nur, die für sich genommen den Raum eines eigenen Gedichts eröffnen könnte, schlängelt sich dann über Chausseen und durch Obstgärten fort, hinein in ein schleichendes Sommeridyll, das nur durch die Anwesenheit eines „grellen Phantoms“ getrübt wird. Wobei eben – denn es handelt sich ja um ein „Phantom“ – nicht sicher ist, ob da wirklich etwas oder nichts ist. Und so ist es mit allen diesen Gedichten: Sie schärfen den Blick für die Wirklichkeit, indem sie sich den allzu glasklaren Tatbeständen verweigern. Am Weihnachtstag ist der Himmel mit weißen Karpfen gepflastert (Weihnachtssingen) oder jemand läuft mit einem „Fräulein aus Zuckerzapfen“ durch einen Traum, der sich offenbar aber in den Kernen der Steine abspielt. Und dann der „Tag mit noch unreifer Fontanelle“ am Schluss des Gedichts – eine Anspielung auf das Jesuskind?

In „Grassprache“ sprechen diese Gedichte und in vielen anderen, eigenen Sprachen, nur in der Gebrauchssprache wollen sie nicht sprechen. Mit Inger Christensen könnte man sagen, dass sie ihren Leser in einen „Geheimniszustand“ versetzen und bei allem Surrealismus der Rede fest aus der polnischen Wirklichkeit heraus agieren („Kauf eine CD / Ultra-Sinik, so wirst auch du im Himmel sein“).

Agnieszka Wolny-Hamkalo, 1979 in Wroclaw geboren und mit dem Dichter Martin Hamkalo verheiratet, hat in ihrer Heimat bereits fünf Lyrikbände veröffentlicht, zuletzt Spamy Milosne, und arbeitet auch als Literaturkritikerin, Journalistin und Bloggerin.