Michael Braun

Der Himmel, unter dem ich lag

Die „feinere Zeit“ des Dichters Ulrich Koch

(aus Heft Nr. 195, S. 357-358)

Sanduhren gehören traditionell zum Inventar der Melancholie-Darstellung. Seit Dürers berühmtem Kupferstich „melencolia“ fungieren sie als Topoi für den verlassenen, auf sich selbst verwiesenen Menschen, der über seine eigene Begrenztheit nachsinnt. In einer gleichförmigen Bewegung rieselt der Sand im Stundenglas von oben nach unten, bis nach einer einfachen Umdrehung die immer gleiche Zeitstrecke erneut vermessen wird. Solche Zeichen der Vergänglichkeit und der Befristung des Daseins setzen auch die Gedichte von Ulrich Koch. Die Vergänglichkeitssymbolik ist bei ihm unmittelbar mit dem Körper der lyrischen Protagonisten verbunden, die Erfahrung des bedrohlichen Zeitvergehens zeigt sich als Riss in ihrem Alltag. „Wenn der Sand durch den/Mund gelaufen ist, beginnt/die feinere Zeit“: Hier, im Gedicht „Die feinere Zeit“, scheint das Subjekt selbst ein Teil der Sanduhr zu sein, ein surreales Bild für den anderen Zustand, in den die Menschen und Gegenstände in Kochs Gedichten geraten. Ein Kind bleibt in „Die feinere Zeit“ stehen und horcht den eigenen Schritten hinterher, ein „leeres Hemd“ ruht – fern jeder sinnvollen Nutzung durch seinen Besitzer – auf einem Kleiderbügel. In einem anderen Gedicht („Die Muse No 2“) hängt eine ältere Frau im Garten „blutige Wäsche“ auf. Man wird überall der Zeichen der Vergänglichkeit, der Verlassenheit und der Bedrohung des Gewöhnlichen gewahr und hält einen Augenblick inne. Diese Momente des jähen Erkennens, diese Augenblicke der Vergewisserung, dass die Einsamkeit des Subjekts in der Welt nicht aufhebbar ist, beschreiben Ulrich Kochs Gedichte. In kleinen Alltagsszenen verbirgt sich bei ihm das Unheimliche, unerwartete Erschütterungen, die einen aus allen Lebensroutinen herausreißen und die Ordnung der Dinge durcheinanderbringen. Selbst eine „Radfahrt am Ende des Sommers“ kann die Koordinaten des Lebens und die erhoffte Herrlichkeit demontieren. Wenn das Radfahrer-Ich in diesem Gedicht treuherzig verkündet, hier wolle es „für immer bleiben“ und sich „einrichten in der Welt“, dann ist das eine Selbsttäuschung. Denn es ist gar kein Ort mehr vorhanden, an dem ein Bleiben möglich wäre, es ziehen nur funktionslose Stadt- oder Provinzkulissen am Auge des Betrachters vorbei. Es ist nur ein Verharren im Provisorischen denkbar, in mobilen Behausungen, wie jenen „Wohnwagen“, die das Ich auf seiner Radfahrt registriert.

Der Autor dieser Gedichte, die vor allem von Verlassenheit und melancholischer Entrückung im Alltag von Großstadt und Provinz handeln, hat sich seit Jahren den Ritualen des Literaturbetriebs konsequent entzogen. Ulrich Koch, 1966 in der Kleinstadt Winsen nahe Lüneburg geboren, will von den branchenüblichen Lebenswegen nichts wissen. Er führt nicht wie viele Dichterkollegen seiner Generation eine subventionierte Stipendiaten-Existenz, sondern arbeitet in Radenbeck östlich von Lüneburg als Geschäftsführer einer Zeitarbeitsfirma, die Fachpersonal für die Altenpflege vermittelt. Sein Debüt als Lyriker war in der Mitte der 1990er Jahre noch von einer Empfehlung Martin Walsers befördert worden, der auf den diskreten Existentialismus seines jungen Kollegen aufmerksam machte. Kochs Weg führte schließlich zum Residenz Verlag, der seine ersten beiden Bände Weiß ich (1995) und Auf mir, auf dir (1998) publizierte. Die negativen Erfahrungen mit der öffentlichen Wahrnehmung dieser Gedichte scheinen mit verantwortlich dafür zu sein, dass Ulrich Koch danach ein Jahrzehnt lang schwieg. Erst 2008 und 2009 erschienen dann im Book-on-Demand-Verlag „Lyrikedition 2000“ zwei neue Bände, in denen, wie Arnold Stadler schrieb, die lyrische Erfahrung „zurückreicht in jenes Etwas, das zu Zeiten Paradies, manchmal Hölle, aus dem wir nicht vertrieben werden können, und wo wir vielleicht gar nie richtig waren“. Ulrich Koch selbst hat in einem Gespräch mit einem Interviewer der Zeit angemerkt, dass ein gutes Gedicht „auf unwiderstehlich sanfte Art und Weise traurig machen“ müsse. Es ist tatsächlich eine große Trauer in seinen Gedichten, formuliert von einem Beobachter der Alltäglichkeit, der die Schrecken des Ausgestoßenseins und der Verlorenheit gut kennt. Kein Wunder also, dass auch das Gedicht selbst – im gleichnamigen Text – zunächst emphatisch als Produkt „eines jungen Gottes“ charakterisiert wird. Dieses Gedicht wird jedoch nicht gerettet, sondern „ins Feuer“ zurückgeworfen.

Der Vertrag, den der Dichter Ulrich Koch mit sich selbst geschlossen hat, ist auch ein verlässliches Überlebensprogramm: „einsam zu sein, / aber niemals allein.“ So hat auch der Melancholiker einen Himmel über sich: „Ich hatte noch keine Sprache,/ aber einen Mund,/ in dem sie heranwuchs wie Gras: / Ich war der Himmel, unter dem ich lag.“

Das „Ablied für S.“ ist dem Band Der Tag verging wie eine Nacht ohne Schlaf (Lyrikedition 2000, München 2008) entnommen, die Gedichte „Schnecken“ und „Gedicht“ stammen aus dem Band Lang ist ein kurzes Wort (Lyrikedition 2000, München 2009), die übrigen Gedichte sind Erstveröffentlichungen.