Matthias Göritz

Vom Reiz der Möglichkeit

Zu den Gedichten von Rae Armantrout

(aus Heft Nr. 188, S. 421-422)

Kichernde Zeichentrickfiguren, cnn-Schlagzeilen, Geplänkel aus dem Radio, eindringliche Rufe aus der Erinnerung: In Armantrouts dichterischem Universum mischen sich die Stimmen, wie sie es in unserem Alltag tun – nur, dass es die Dichterin gibt, die anordnet, arrangiert, die eine Kollision erzeugt und die Szene beherrscht, indem sie den Reiz der Möglichkeiten aufzeigt. Hinter der relativ einfachen Oberfläche der Gedichte verbirgt sich ein Teilchenbeschleuniger für Worte. Das „Ich ist viele“, wie Walt Whitman gesagt hat. Mit seinem Lyrikband Grashalme steht er Pate für die positive, demokratische und befreiende Wirkung der alle Formfesseln sprengenden Poesie. Arthur Rimbaud, ein zweiter Dichter, der für Armantrout wichtig war, hat die Form zu seinem Abschluss gebracht, hat sie ausgereizt.

Armantrout hat ihre Poetik eine „Cheshire Poetik“ genannt. Vergleichbar mit der Grinsekatze aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland, scheint in Armantrouts Gedichten immer etwas auf, das dann gleich wieder verschwindet. Eine Bedeutung wird von der anderen abgelöst, eine Metapher so lange gestreckt, bis sie wie eine unfundierte Brücke zusammenbricht und offen legt, dass sie genau dies ist und genau so funktioniert hat: als Metapher. Diese Poesie ist zugleich eine Anti-Poesie. Und das alles nicht sukzessive oder narrativ, in der Behauptung, sondern gleichzeitig, mitschwingend, präsent. Es ist eine Poesie der Abzweigungen, der semantischen Labyrinthe.

Begonnen hat Armantrout mit Gedichten in der Tradition des Imagismus, beeinflusst insbesondere von William Carlos Williams. Das minimalistische Gedicht „Aussicht“, „View“, kann hier als Beispiel für Armantrouts frühes Interesse an der Doppelbödigkeit gelesen werden. „View“ hat nicht nur zweierlei Bedeutungen, sondern zwei sich fast ausschließende. Auf der einen Seite sieht ein suspektes „Wir“ im Mond eine andere als die menschliche Sphäre. Ein Echo des William’schen Diktums vom möglichen Erhaschen der Welt und der Dinge im Zustand der Unaufmerksamkeit scheint hier auf. Auf der anderen Seite stellt der Mond ein allgegenwärtiges, klischeebeladenes Sehnen aus und in Frage. Den „Mond zu wollen“ wird zur Falle, zum kindlichen Greifen nach dem Unmöglichen, es ist ein Greifen nach den Sternen. Der naturverliebte Romantiker und der zynische Großstadtmensch prallen aufeinander. Es bleibt, sagt Armantrout, kein Ausweg aus der Sprache. Diese in den längeren, vielstimmigen Gedichten ausgespielte Poetik der Kollision hat noch eine weitere Komponente. Die Grenze zwischen dem Privaten und dem öffentlichen Raum, zwischen der Privatsprache der Träume, unserer individuellen Illusion vom Leben und den bereits vorgestanzten Metaphern der Zivilisation in Filmen, Büchern, Comics, Politik und Werbung, ist nicht zu ziehen. Wo das Gedicht gelingt, da gelingt ihm gerade das Verschwimmen dieser Stimmen, das hochkomplexe Babeln, auf das Armantrout und ihre Leser aber meist mit einem Lächeln reagieren, nicht mit tragischer Desillusionierung. Insofern sind Rae Armantrouts Gedichte tatsächlich Verkörperungen der halbirren Cheshire Katze. Immer ist etwas in ihnen am Verschwinden. Aber was bleibt, verstört uns, zieht uns an.

Armantrout, die von vielen als die neben Ann Lauterbach, Michael Palmer und John Ashbery zentrale Figur einer sprachorientierten amerikanischen Avantgardelyrik gesehen wird, wurde 1947 in Vallejo, Kalifornien, geboren. Sie wuchs in San Diego auf, studierte u. a. an Berkeley bei der Dichterin Denise Levertov. Sie veröffentlichte zehn Gedichtbände, von denen mehrere auf der von der New York Times ausgewählten Liste der Bücher des Jahres waren. Bereits mehrmals war sie Finalistin der Shortlist für den Pen Award. Armantrout unterrichtet seit über zwanzig Jahren in San Diego an der University of California. Ihr großer Kollege Robert Creely bemerkte über Rae Armantrout, sie habe „eine leise, vorantreibende Schreibweise“, hinzufügend, dass er glaube, es gebe wohl keinen lebenden Dichter mit einer vergleichbaren Autorität, der gleichzeitig so generös zu seinen Lesern ist.

In Deutschland wird das Werk Rae Armantrouts im Herbst 2009 vom ambitionierten luxbooks Verlag herausgegeben, der sich mit der Publikation amerikanischer Lyrik bereits in kürzester Zeit einen Namen gemacht hat. Eine Fangemeinde ist ihr zu wünschen.