Michael Braun

Im Klanggewölbe der Mystik

Die Gedichte des Christian Lehnert

(aus Heft Nr. 167, S. 278-281)

„Schlesische Engel“ sind in der modernen Lyrik eine unbekannte, weil längst ausgestorbene Spezies. Der vorläufig letzte Poet, der als „Angelus Silesius“ (lateinisch: schlesischer Engel) auftrat, war der geistliche Barockdichter Johann Scheffler (1624-1677), der in seinen frommen Epigrammen die mystische Erfahrung des Einswerdens mit Gott durchbuchstabierte. Vor einigen Jahren ist nun ein Lyriker aufgetaucht, der sich als enthusiasmierter Nachfahre der Mystik eines Meister Eckhart zu erkennen gibt und auch die Gottessuche des „cherubinischen Wandersmanns“ Angelus Silesius wieder aufnimmt. Es ist der Dichter Christian Lehnert, im Brotberuf Pfarrer in der sächsischen Provinz, der mit seltener Innigkeit mystische Ursprungsbilder formt und die Grandiosität der Schöpfung zu vergegenwärtigen trachtet. 1969 in Dresden geboren, studierte Lehnert Religionswissenschaften, Orientalistik und Theologie und übernahm nach längeren Auslandsaufenthalten in Israel und Spanien eine 200-Seelen-Pfarrei in Burkhardswalde im Müglitztal. Kaum hatte er sich in der sächsischen Abgeschiedenheit eingerichtet, verschwand jedes vierte der insgesamt nur vierzig Häuser in der Jahrhundertflut der Elbe. In solche schicksalhaften Zusammenhänge von Naturgewalt geraten, scheint sich Lehnerts Wort aus seiner Dankrede zur Verleihung des Lessing-Förderpreises vom Januar 2003 zu bestätigen. „Religion“, so hat Lehnert hier definiert, tastet „über die Widersprüche und Zufälligkeiten des Lebens hinaus auf eine fremde Mitte zu, wo jedes Bild, jeder Begriff, jeder Name verstummt“. Hierin aber, in dieser tastenden Suchbewegung, berühre sich Religion mit der Poesie, „denn Gedichte entstehen dort, wo die Sprache versagt, wo ich nichts mehr sagen und doch nicht schweigen kann“. Religion und Poesie, Mystik und Dichtung bilden von Beginn an in Lehnerts Dichtung die Gravitationskräfte, deren gegenseitige Anziehungs- und Abstoßungs-Prozesse eingehend untersucht werden. Schon die ersten beiden Gedichtbände Lehnerts, Der gefesselte Sänger (1997) und Der Augen Aufgang (2000), waren Werke von großer suggestiver Bildkraft. Die mystisch-theologischen Antriebsmoente dieser Gedichte empfand eine sich aufgeklärt dünkende Lyrik-Kritik als anachronistisch. Einen ganz und gar von Schöpfungsmotiven hingerissenen und dezidiert religiösen Dichter zu loben, war nicht opportun. Eine poetologische Notiz von 1999 markiert sehr präzise das poetische Erkenntnisinteresse Lehnerts. Es gehe darum, heißt es da, „die Fragmente frühester Erinnerungen mit den Fraktalen der Wahrnehmung zu verbinden“ und „ein Klanggewölbe für die Stimmen der poetischen Mystik“ zu schaffen. Sein Blick auf die eigne DDR-Kindheit und die deutsche Unheilsgeschichte greift schon in den ersten Gedichten nicht auf rationalistische Konzepte zurück, sondern auf theologische. Das lyrische Ich registriert die Rampen der Konzentrationslager und sieht dort „krumen einer schöpfungs-, einer / erschöpfungsgeschichte.“

Mitte der neunziger Jahre fand Lehnert, inspiriert durch religionswissenschaftliche Studien, in den Landschaften der jüdischen und arabischen Welt seine Orte poetischer Verheißung. Angeregt durch den Besuch heiliger Stätten des Judentums und des Islams, etwa auf der Halbinsel Sinai, entstanden lyrische Zyklen, in denen das poetische Subjekt immer wieder Motive der Schöpfungsfrühe und der Geburt des Menschen imaginiert. Hier vollzieht das lyrische Ich in fast rauschhafter Emphase Suchbewegungen nach den Orten des Heiligen: sei es an den symbolträchtigen Plätzen des Christentums, in jüdisch und arabischen Kultstätten oder in den Weiten der Wüste. All diese Stätten des Religiösen werden nicht aus kühler Distanz besichtigt, sondern in metaphorisch stark aufgeladenen und visionär erhitzten Versen zum Leuchten gebracht. Der poetische Mystiker sucht eben nicht die Distanz, sondern die Einheitserfahrung. So werden Motive des Ursprungs, des Archaischen, der Schöpfungsbegeisterung und des Heiligen ganz unmittelbar aufgerufen: „Über Karstrinnen, vergrast, in triefendes Öl gestrichen, / stieg ich Mauer um Mauer in ein dunkles Leuchten: durch / Schluchten, tiefer zurück als der Blick eines Späteren / dringt, zog pendelnd ein Hirte, grub Höhlen, den Kopf / in wulstigen Krusten versteckt. Noch tausende Regenzeiten, / bis Baal Samen auf den Teller der Erde gießen wird, Vieh / sichtbare Habe, Wiedergekäutes, Röcheln. Hier fänden / wir verbindende Namen, Verbwurzeln: Tiere nahen, lecken / Windhalme auf, hecheln, Windhalme, von roten Nüstern / (Mondsicheln) in enger Bahn befeuchtender Staub. Eins / aber verharrte bei einem Jungen, als Farbrest am Rand / einer Ikone, diesige Wärme, die bis an meine Stirn reicht.“

In seinen großen lyrischen Zyklen bruchzonen, befunde oder Der Augen Aufgang imaginiert Lehnert den Rücksturz in eine prä-humane Sphäre, die Auflösung des Ich in den Organismen des Meeres oder das pantheistische Zerfließen und Oszillieren des Subjekts. Anders als der agnostische Pfarrerssohn Gottfried Benn verbindet Lehnert seine Vorstellungen von der Entrückung des Ich in animalische Ursprünglichkeit mit positiv konnotierten Bildern göttlicher Schöpfung. Wie sicher sich Christian Lehnert seiner poetischen Mittel ist, zeigt auch die formale Kühnheit, die er in Der Augen Aufgang vorführt: Im Zyklus Lichteinfall versucht er sich erfolgreich an der kunstvollsten wie vertracktesten Form der abendländischen Lyrik, dem Sonettenkranz. Die Anfangs-Verse von vierzehn Sonetten ergeben am Ende die Summe, das Meistersonett.

Christian Lehnert hat sich von dem Argwohn der säkular durchtrainierten Kritik nicht beirren lassen und arbeitet in seinem jüngsten Gedichtband Finisterre erneut an einer Begegnung mit den Stätten des Heiligen und den Stimmen der Mystik. Finisterre meint geographisch in diesem Fall das Vorgebirge an der äußersten Nordwestspitze Spaniens, dem sich der Dichter in lyrischer Pilgerfahrt annähert. Auch in diesem Band weist ein Epigramm von Angelus Silesius den Weg zur meditativen Innigkeit : „Ich weiß nicht, was ich bin, ich bin nicht, was ich weiß; / Ein Ding und nit ein Ding, ein Stüpfchen und ein Kreis.“ In fünf großen lyrischen Zyklen tastet Lehnert nach mystischen Urszenen: nach der Erfahrung planetarischer Ursprünglichkeit in den Urkräften der Natur, nach halluzinatorischen Szenen des Werdens und Vergehens und nach der sinnlichen Präsenz des Gottessohnes. Einen Zyklus wie „passio“ hat noch kein avancierter Lyriker der Gegenwart gewagt: Hier beschwört der Dichter den Weg des Gottessohnes nach Golgatha. Die wohl bildmächtigsten Fügungen finden sich im ersten Zyklus, der eine lyrische Wallfahrt auf dem Jakobsweg evoziert. Hier beginnt eine Wanderung in die versunkene Vorzeit, in die Schöpfungsfrühe: „Nomadenpflanzen, gleich ob auf den weißen Vakuolen/ des Quarz, auf Wrackteilen, rostigen Kettensegmenten,/ ob auf Panzern toter Krabben, sie vertäuen/ den losen anorganischen Grund deiner Blicke mit dem Gedächtnis / umgrenzter Zellen, Kugelalgen, Fäden, Epithele.“

Die hier vorgestellten neuen Gedichte Christian Lehnerts entstammen zwei bislang unveröffentlichten Zyklen. Die Ausschnitte aus dem Zyklus „Tempel“ führen erneut an Ursprungsorte des Heiligen, zu Stätten göttlicher Offenbarung und zu Urszenen entstehenden Lebens. In der Überlagerung von Traumstoff und Naturstoff entsteht die Vision der Schöpfung. Der Zyklus Warten aller Augen (Begegnungen) vergegenwärtigt mystische Erfahrungen einzelner Figuren: des „Physikers in der Chipfabrik“ oder des „taubstummen Tänzers“. Diesen Gestalten gemeinsam ist jeweils die innige Einswerdung des Ich mit sich selbst oder die Versenkung in Urelemente der Natur – spirituelle Erfahrungen, die ohne eine Empfänglichkeit für Religiöses nicht zu denken sind.