Nr. 225, März 2018


Editorial

Lügenpresse, Fake News, alternative Fakten – Schlagwörter wie diese beschäftigen die Welt zur Zeit mehr als uns allen lieb sein kann. Für das Münchner Literaturfest hat sich Friedrich Christian Delius hingesetzt und einen Vortrag geschrieben, wie es sich denn in der Literatur verhält mit den Tatsachen und dem Ausgedachten. Gleich am Beginn zitiert er Jean Paul: „Leser kann man nicht genug betrügen, ...“, und Delius fährt fort: „Mit dem Rekurs auf diesen alten Satz will ich betonen, dass man als literarischer Autor der gegenwärtigen Hysterie um Wahrheit, Lüge, Fakten, Fiktion gelassen entgegenblicken kann. über Erfindung und Tatsachen und Verlogenheit und Wahrhaftigkeit wird in unserer Zunft seit Jahrhunderten gründlich nachgedacht. Solches Nachdenken über diese Gegensätze, das jetzt aufgeschreckte Leute landauf, landab beschäftigt, ist für jeden, der schreibt, tägliche übung. Mehr noch: eine Arbeitsvoraussetzung für Autorinnen und Autoren, die Romane, Erzählungen, Stücke, Filme oder Verse schreiben.“ Vielleicht ist dieser Vortrag als Auftakt dieses Heftes besonders geeignet, weil ein sehr alter Hase des Schreibgewerbes (Jean Paul) und ein alter Hase (Friedrich Christian Delius) all den jungen Schriftstellern, die an der Berliner Autorenwerkstatt Prosa 2017 teilgenommen haben, einige ewige Wahrheiten für alle Schreibenden und Lesenden zusammenfassen. Wie jedes Jahr eröffnet diese Zeitschrift nämlich den Jahrgang mit den Teilnehmern der Autorenwerkstatt Prosa, die seit vielen Jahren im LCB abgehalten wird. In diesem Jahr wurden die zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der Schriftstellerin Antje Rávic Strubel, die die kurzen Einleitungen der Teilnehmerbeiträge verfasste, und Thorsten Dönges vom LCB betreut. Wir drücken den Autorinnen und Autoren die Daumen, auf dass sie bald alle einen Verlag finden mögen. In unserer Abteilung „Auf Tritt Die Poesie“ stellt Michael Braun den in Rumänien geborenen und in Frankfurt am Main lebenden Lyriker Alexandru Bulucz vor. Danach erinnert Ute Nyssen an den am 1. März 2017 plötzlich aus dem Leben gerissenen Literaturkritiker der Süddeutschen Zeitung Christopher Schmidt. Er war langjähriger Juror des von Ute Nyssen gestifteten und jährlich vergebenen Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis. Ganz am Schluss des Hefts drucken wir seine Laudatio auf den Südafrikaner Mpumelelo Paul Grootboom.


Inhalt

­­­
Friedrich Christian Delius Die Tücken des autobiographischen Erzählers 4
 
Auf Tritt die Poesie­
Michael Braun Alles im Gedicht ist Übergang 16
Alexandru Bulucz Vom Ende, der Rezeption, von Lyrik 19
Alexandru Bulucz Gedichte 24
 
Berliner Autorenwerkstatt 2017­
Annina Haab Alitage 35
Kristin Höller Hier ist es schöner als überall 44
Sophia Klink Luftunterfläche 52
Pasquale Virginie Rotter Heimatmuseum 60
Simone Schröder Die Paradiesfrage 67
Sonja M. Schultz Hundesohn 74
Leszek Stalewski Eine Einäscherung 84
Robert Stripling Unter Stunden. Hefte 1 92
Olivia Wenzel Keine Angst, mein Herz 101
Bettina Wilpert nichts, was uns passiert 110
 
Ute Nyssen In memoriam: Christopher Schmidt 121
 
Christopher Schmidt Schatten im Regenbogenland 124
­