Nr. 198, Juni 2011
Versuche zur Integration von sechs Autoren aus sechs Ländern bestimmen den ersten Schwerpunkt dieses Heftes: Nata¨a Dragnić, György Dragomán, Aris Fioretos, Melinda Nadj Abonji, Doron Rabinovici und Sreten Ugričić, der als Autor und Konzeptkünstler auf seinen Nachnamen verzichtet. Einen zweiten Schwerpunkt bilden drei Beiträge über H. G. Adler (Hans Dieter Zimmermann, Sven Kramer und Thomas Krämer). Jürgen Trabant lobt das Übersetzen, Volker Sielaff stellt die polnische Lyrikerin Agnieszka Wolny-Hamkało vor, und ihre weißrussische Kollegin Swetlana Alexijewitsch ist „Zu Gast in Berlin“. Sherko Fatah schildert in einem neuen Roman, dessen Beginn in diesem Heft zu lesen ist, das Schicksal eines Irakers im nationalsozialistischen Deutschland.
Dieses Heft wurde gefördert von der Kunststiftung NRW.
Editorial
„Zu Hause in der Fremde – Versuche zur Integration“ war das diesjährige Autorenspecial der Leipziger Buchmesse überschrieben. Sechs Autoren aus sechs europäischen Ländern haben sich dem Thema gestellt. Aber was heißt das in diesem Zusammenhang? Aris Fioretos ist Schwede, sein Vater war Grieche und seine Mutter kam aus Österreich. Die Buchpreisträgerin des letzten Jahres entstammt der ungarischen Minderheit in der nunmehr serbischen Vojvodina – und lebt seit ihrer Kleinkinderzeit in der viersprachigen Schweiz, deren Staatsbürgerin sie ist. Auf ähnlich mehrfache Kulturhintergründe zurückgreifen können auch Doron Rabinovici, Nata¨a Dragniæ und György Dragomán. Dazu gesellt sich Sreten Ugrièiæ, der Leiter der Serbischen Nationalbibliothek, der als Autor und Konzeptkünstler auf seinen Nachnamen verzichtet und darlegt, dass man auch ohne doppelten Kulturhintergrund zu Hause fremd sein kann. Dieses vom Auswärtigen Amt kofinanzierte, vom Literarischen Colloquium Berlin und der Leipziger Buchmesse konzipierte Autorenspecial unterstreicht einmal mehr, wie durchlässig Europa ist, oder sollte man sagen: wieder ist. Trotz allfälliger Sorgen über die Überfremdung gab und gibt es seit Jahrtausenden Migrationsbewegungen. Sei es aufgrund von Kriegen, sei es aus wirtschaftlichen, politischen, religiösen oder zukünftig aus klimatischen Gründen.
Darüber hinaus dokumentieren wir in diesem Heft die Festrede, die Jürgen Trabant anlässlich der Verleihung des Deutsch-Italienischen Übersetzerpreises an Maja Pflug, Barbara Kleiner und Julika Brandestini im März 2011 im Berliner Bodemuseum gehalten hat. Ein kleiner Schwerpunkt ist in diesem Heft H. G. Adler gewidmet. Im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren fand unter dem Titel „Wer zeugt für die Zeugen? Zu den Romanen des Prager deutschen Schriftstellers H. G. Adler (1910 –1988)“ eine Tagung statt. Wir drucken die Beiträge von Hans Dieter Zimmermann, Sven Kramer und Thomas Krämer über diesen Zeugen des 20. Jahrhunderts, dessen Lebenswerk noch immer nicht genug gewürdigt wird.
Volker Sielaff präsentiert in „Auf Tritt Die Poesie“ die polnische Lyrikerin Agnieszka Wolny-Hamka³o. „Zu Gast in Berlin“ ist die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch, die als Chronistin der zerfallenden Sowjetunion gilt. Am Anfang aber steht Sherko Fatah mit dem Beginn seines im Herbst erscheinenden Romans „Ein weißes Land“, einem Roman, der – angesiedelt in den dreißiger Jahren – einen Iraker zum Helden hat, den es in das nationalsozialistische Deutschland verschlägt.
Auf Tritt die Poesie
Volker Sielaff Grassprache, grelles PhantomAgnieszka Wolny-Hamkalo Gedichte
Leseproben
Melinda Nadj Abonji Zuhause in der Fremde – Versuche zur IntegrationSven Kramer Die Politik der Erinnerung in H. G. Adlers Roman Die unsichtbare Wand
Inhalt
| Sherko Fatah | Die schönen Häuser | 132 |
| Auf Tritt Die Poesie | ||
| Volker Sielaff | Grassprache, grelles Phantom | 137 |
| Agnieszka Wolny-Hamkalo | Gedichte | 139 |
| Deutsch-italienischer Übersetzerpreis 2011 | ||
| Jürgen Trabant | Lob des Übersetzens | 149 |
| Zu Hause in der Fremde | ||
| Nata¨a Dragnic | Von Kühlschränken, Affen und anderen Integrationsmöglichkeiten | 155 |
| György Dragomán | Von A nach B | 162 |
| Aris Fioretos | Die Hüften der Großmutter | 173 |
| Melinda Nadj Abonji | Zu Hause in der Fremde – Versuche zur Integration | 181 |
| Doron Rabinovici | Jenseits von Andernorts | 191 |
| Sreten | Das Leben ist Ausland | 201 |
| Wer zeugt für die Zeugen? | ||
| Hans Dieter Zimmermann | Vom Internat zum Lager | 213 |
| Sven Kramer | Die Politik der Erinnerung in H.G. Adlers Roman Die unsichtbare Wand | 220 |
| Thomas Krämer | Poetik des Gedenkens | 228 |
| Zu Gast in Berlin | ||
| Swetlana Alexijewitsch | von Brüdern und Schwestern… Henkern und Opfern… und dem Elektorat … | 239 |



